Katharine Dion – Die Angehörigen

„The dependents“, so der Originaltitel des Romans Romans der jungen amerikanischen Autorin Katharine Dion. Mehr noch als die deutsche Entsprechung „Die Angehörigen“ schwingt dort etwas mit, das man manchmal gerne eher verdrängen möchte, das aber in irgendeiner Form immer vorhanden ist, besonders, wenn die Menschen, denen man „angehört“, sehr nahe stehen: die Abhängigkeit. Nicht so sehr eine materielle, sondern eine emotionale Abhängigkeit, in der man sich befindet. Und die beim Verlust dieses Menschen eine schwer zu füllende Lücke hinterlässt.

Eine solche Lücke muss auch Gene Ashe erdulden, als seine Frau Maida nach 49 Jahren Ehe ganz unerwartet nach einer Knieoperation stirbt. Nach diesen vielen gemeinsamen Jahren plötzlich allein dazustehen, ist schwer. Es gibt eine gemeinsame Tochter, eine eng befreundete Familie, die Donellys, mit denen Gene, Maida und Dory Ashe viele gemeinsame Sommer am See verbracht haben, und die ihnen auch jetzt zur Seite stehen. Aber mit dem Verlust muss Gene alleine zurechtkommen. Wie schreibt man einen Nachruf? Was packt man hinein vom langen gemeinsamen Leben? Was war wichtig, erwähnenswert? Und war das gemeinsame Leben gelungen, glücklich? Für sich kann Gene das bejahen, aber ging es Maida genauso? Und was weiß er eigentlich von dieser Frau, die einen Großteil seines Lebens mit ihm verbracht hat?

Diese Gedanken gehen Gene, dem wir im Roman ganz nah sind, durch den Kopf. Katharine Dion erzählt davon nachdenklich, melancholisch und sehr einfühlsam, gelegentlich auch humorvoll-ironisch. Das ist thematisch nicht neu und schriftstellerisch ziemlich konventionell, aber auch sehr klar und erhellend und fügt eine weitere Facette zum großen Nachdenken über das Leben, das Glück und das Abschiednehmen hinzu, die ich gerne gelesen habe. Außerdem wird von einer jungen Autorin das Thema Alter und Altern auf sehr sensible Weise verhandelt.

Gene flüchtet mit seinen Erinnerungen in die alte Ferienhütte am See, wird dort eingeschneit und kommt allmählich zur Ruhe. Zur Seite steht ihm dort Anna Karenina. So wird „Die Angehörigen“ schließlich auch zu einer Hommage an die Literatur und die Kraft, die darin steckt. Ein schöner, ruhiger Debütroman.

 

Beitragsbild: Bild von Christoph Schütz auf Pixabay

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Katharine Dion – DIE ANGEHÖRIGEN

 Originaltitel: ›The Dependents‹

Übersetzung: Henning Ahrens

DUMONT April 2019, 288 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 22,00

 

 

Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe

London, 1923. Der Große Krieg ist mehr als vier Jahre vorbei, aber die Gräuel sind noch lange nicht vergessen. Auch Peter Vane, ein junger Wissenschaftler, ist tief traumatisiert. Besonders den Verlust seines Kameraden Finley hat er nicht verwunden. Dieser gilt seit einer Verletzung an der Front als vermisst und gab ihm kurz vor seinem Verschwinden eine kleine Daguerrographie, die ein Mädchen darstellt und die Peter zu einer Art Talisman geworden ist.

Seit einiger Zeit hört der junge Mann Stimmen. Eine raunt ihm immer wieder ins Ohr: „Lily, Lily.“ Peter kennt niemanden dieses Namens, glaubt aber an eine Verbindung zu Finley und dem Bild. Ein Kommilitone, Frank Bunyan, rät ihm zu einem Besuch der London Spiritualist Alliance, wo man Séancen abhält. Besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um die Jahrhundertwende boomte diese Form der Geisterbeschwörung und tatsächlich beruht auch Alexander Pechmanns Romangeschehen auf realen historischen Vorbildern. Nicht nur die Alliance gab es, sondern auch das Medium, an das sich Peter Vane wendet, die Irin Hester Dowden, ist eine historische Figur. Zunächst sehr zögerlich und skeptisch beschließt Peter, sich einer solchen Séance anzuschließen, um Kontakt mit der jenseitigen Welt aufzunehmen und so vielleicht etwas über das Mädchen auf der Daguerrographie und das Schicksal seines Kriegskameraden herauszufinden.
Tatsächlich scheint Peter zugänglich für Botschaften aus der Geisterwelt zu sein, nur der, der ihm Botschaften mittels des Ouija-Boards schickt, ist nicht sein alter Freund, sondern– Oscar Wilde. Peter hält daran fest, eine rationale Erklärung für die Vorgänge zu finden, die alle auf merkwürdige Weise zusammenhängen. Doch Klarheit lässt sich nicht endgültig finden.

Oscar Wilde: by Wikiimages via Pixabay

Nach Aufzeichnungen der historischen Hester Dowden, die in ihren Protokollen sowohl Botschaften von Wilde als auch die Anwesenheit eines „Mr.V“ erwähnt, strickt Alexander Pechmann eine erstaunliche, abenteuerliche Geschichte. Bestens recherchiert und atmosphärisch perfekt inszeniert, dazu spannend erzählt, fesselt der kurze Roman auch dem Spirituellen und Übernatürlichen völlig ablehnend gegenüberstehende Leser*innen. Dichte, berührende Passagen aus dem Kriegsgeschehen, Referenzen an den klassischen Detektivroman, ein düster-geheimnisvolles London-Porträt, ein wenig Oscar Wilde und die Kunstszene der damaligen Zeit – die Nebelkrähe hat noch viel mehr zu bieten als eine Geister- und Gruselgeschichte. Dem Wiener Autor Alexander Pechmann, der u.a. auch Werke von Herman Melville und Mary Shelley übersetzt und herausgibt, ist ein wirklich origineller Roman gelungen.

Beitragsbild: Nebelkrähen Bild von Mark Wright auf Pixabay

 

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Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe

Steidl Februar 2019, gebunden, 176 Seiten, € 18,00

Siri Hustvedt – Damals

Eine fein gezeichnete nackte Frau fliegt mit weit ausgebreiteten Armen und emporgerecktem Gesicht in einen orangenen Himmel, in der rechten Hand hält sie ein Springmesser. Im Hintergrund ist das Empire State Building zu erkennen. Eine der zwölf äußerst gekonnten Zeichnungen der Autorin ziert das Cover des neuen Romans von Siri Hustvedt. (Dieser erscheint, wie in letzter Zeit immer wieder, zuletzt bei T.C.Boyle, in der deutschen Übersetzung vor der amerikanischen Originalausgabe, auf deren Cover die besagte fliegende Dame in einem lustigen Outfit unterwegs ist – amerikanische Prüderie lässt grüßen)

Wen zeigt diese Zeichnung? Die Ich-Erzählerin S.H., deren Initialen nicht zufällig denen der Autorin entsprechen, und für die ein solches Messer eine große Bedeutung besitzt? Oder die deutsche Dadaistin Elsa von Freytag-Loringhoven, „Muse, Aktmodell, Malerin und Bildhauerin, Dichterin und Rezitatorin“, worauf die Ausstaffierung auf der amerikanischen Ausgabe hinweist? Diese auch „Dada-Baroness“ genannte, von 1913 bis 1923 mit einigem Erfolg und der Unterstützung von Peggy Guggenheim in New York lebende Künstlerin hat einige Bedeutung für S.H. (und wohl auch für Siri Hustvedt) und wird zur Namenspatin für das erwähnte Messer. Sie, der neuere Forschungen die Urheberschaft für das als Werk Marcel Duchamps berühmt gewordene „Readymade“, das Urinal „Fountain“, zuschreiben, ist für Erzählerin und Autorin Sinnbild für die Missachtung, die Frauen und ihren Leistungen allerorten, besonders aber auch in der Kunst entgegengebracht wurde und wird.

 

„Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen.“

Dies ist Siri Hustvedts Thema, auf das sie auch in den zeitgleich erscheinenden Essays „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ eingeht. Hustvedt ist eine genaue Beobachterin, geschult in Wahrnehmungspsychologie, Neurowissenschaft, Philosophie und Kunstbetrachtung. Das merkt man nicht nur ihren hochintelligenten Essays an, das fließt auch immer wieder in ihre Romane ein. Manche Kritiker nennen das „verkopft“, zu voll mit Querverweisen, literarischen und philosophischen Anspielungen, zu metafiktional. Ich denke, auch das ist ein Vorwurf, den man gegenüber Autorinnen schneller äußert als gegenüber deren männlichen Kollegen. Einen süffigen, „prallen“ Roman, in den man sich fallen lassen kann darf man hingegen von Siri Hustvedt nicht erwarten. Dafür ist sie tatsächlich zu analytisch, zu komplex, zu intellektuell.

„Ich wollte mit Intelligenz verführen. Heute bringt mich das zum Lachen. Männer können mit Intelligenz verführen. Frauen sind derartige Subtilitäten nicht erlaubt, aber ich war naiv und bildete mir ein, die Leute würden beides tun, mir zuhören und mich anschauen, sie würden aus meinen Sätzen den Tonfall eines hart arbeitenden, starken Geistes heraushören. Ich brauchte Jahre, um zu verstehen, dass eine solche Annahme falsch ist, meistens jedenfalls, dass Erwartungen den größten Teil der Wahrnehmung ausmacht und das Gesicht einer jungen Frau wie ein Hindernis gegen ihre Ernsthaftigkeit wirkt, insbesondere, wenn das Gesicht mit unaggressivem Verhalten einhergeht.“

Und so ist auch ihr neuer Roman „Damals“ keine schnelle Lektüre.

New York City 1979 – 481 8th Ave by PETERSHAGEN (CC BY-NC-SA 2.0) via Flickr

Auf verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen schafft sie ein „Porträt der Künstlerin als junge Frau“. Dabei spielt sie immer wieder mit der Identität von S.H., die wie die, die gleichen Initialen besitzende Autorin 1955 geboren wurde, aus Minnesota zum Studium an die Columbia University in New York kam, dort mit dem Schreiben begann und nun 61jährig, wir schreiben das Jahr 2016, auf ihr jüngeres Selbst zurückschaut.

„(…) der Geist des Wasseinwird, der mit einer Mischung aus Verwunderung und Mitleid auf die über ihr Heft gebeugte junge Person herabblickt.“

So viele Übereinstimmungen zwischen S.H. und ihrer Erschafferin bestehen, so viele Abweichungen gibt es aber auch, so dass sich die Leser*in nie ganz sicher sein kann, wie viel hier nun autobiografisch ist.

Anlass für den Rückblick in die Jugendjahre ist, wie so oft, die Auflösung der Wohnung der 95jährigen Mutter, die in ein betreutes Zimmer im Seniorenheim umzieht. Gespräche mit der zunehmend demenzkranken Frau bilden eine weitere, berührende Ebene.

Beim Aufräumen stößt S.H. auf ein altes, verschollen geglaubtes Tagebuch, euphorisch-erwartungsvoll „Mein neues Leben“ betitelt, aus dem in der Folge ausgiebig zitiert wird. Besonders die rätselhafte Nachbarin von damals mit ihren seltsamen Freundinnen und lauten Selbstgesprächen und ein sexueller Übergriff spielen darin eine Rolle. Zudem entsteht ein Porträt New Yorks in den späten Siebziger Jahren, seiner Kunst- und Literaturszene, seiner Heruntergekommenheit und prickelnden Aufbruchsstimmung.

Eine weitere Ebene bilden Auszüge eines zu dieser Zeit verfassten ersten Romans, einer Detektivgeschichte mit jugendlichen Helden, im Stil von Sherlock Holmes. Auch dieser trägt die Initialen S.H. Die Erzählerin war auf der Suche nach einem Helden für ihre Geschichte, erst im Verlauf erkennt sie, dass sie eine Heldin geschaffen hat.

Diese verschiedenen Ebenen werden von S.H. in der Erzählgegenwart arrangiert, mit Notizen, Beobachtungen und essayistischen Passagen ergänzt. Dabei spricht sie ihre Leser*innen immer wieder direkt an, bezieht sie in das Buch mit ein, hinterfragt und bricht das Erzählte wie das Erzählen selbst.

„Sagen sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt? Sagen Sie mir, warum ich Sie als Reisegefährtin brauche, als meine jeweils liebe und launische Andere, meine Partnerin für die Dauer des Buches?“

„Damals“ ist keine Autobiografie, auch wenn viele Eckdaten auf Siri Hustvedt verweisen. Es ist ein kluger, ironischer, so analytisch-komplexer wie auch nostalgischer Blick auf die Zeit von Damals. „Memories of the future“ – so der viel schönere und vielschichtigere Originaltitel.

„Während es sie drängte, in der Richtung jenes imaginären Zeitpfeils vorwärtszustürmen, (…)bin ich daran interessiert, zu verstehen, wie sie und ich miteinander verwandt sind, was eine Kehrtwende bedeutet, um dem Zeitpfeil in die entgegengesetzte Richtung zu folgen (…) In unserer schlichten alten Menschenwelt wird die junge Frau, die im September 1978 die Augen hebt, sobald sie die Tür des Hungarian Pastry Shop aufgehen hört, zu der alten Frau, die jetzt, im September 2016, in einem Haus in Brooklyn in ihrem Arbeitszimmer sitzt und den Satz tippt, den Sie in Ihrer eigenen Gegenwart, die ich nicht erkennen kann, gerade lesen.“

„Damals“ ist natürlich auch ein feministisches Statement. Es ist vor allem ein anregendes, lesenswertes Buch.

 

Beitragsbild: Empire State Building Foto von Sam Richards von Pexels

Weitere Besprechungen bei Literaturleuchtet 

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Siri Hustvedt - Damals.

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Siri Hustvedt – Damals

übersetzt von: Uli Aumüller und Grete Osterwald

Rowohlt März 2019, gebunden, 448 Seiten, € 24,00

Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Es gibt Bücher, da weiß man bereits nach wenigen Sätzen: „Ja, das könnte was werden, das scheint zu passen.“ (Hin und wieder wird man dann dennoch enttäuscht.)

Bei Daniela Kriens von fast allen Seiten hochgelobtem Roman „Die Liebe im Ernstfall“ kam mir dagegen bereits auf Seite 18 der Verdacht, dass wir keine Freunde werden würden.

Da verirrt sich am Vorabend der Hochzeit ein kleiner Vogel in das von der Braut so wenig geliebte gemeinsame Loft und findet trotz geöffnetem Fenster nicht mehr hinaus. Eine Holzhammer-Metapher! Drei Seiten weiter bricht sich eine Taube in eben jener Wohnung den Flügel. Nun ja.

Was tut man da? So früh schon abbrechen? Nein, das wäre ungerecht und dann ist da noch das viele Lob. Aber wann dann? Vielleicht wenn die zweite Tochter dieses Paars, Paula und Ludger, als Baby am plötzlichen Kindstod stirbt – nach einer Schutzimpfung (das wird so in den Raum gestellt)? Oder, da ist das Buch schon ziemlich fortgeschritten, wenn mit ziemlich viel Einfühlung und Verständnis der Vater einer der Protagonistinnen vorgestellt wird, dessen Ansichten politisch ziemlich weit rechts angesiedelt sind –

„Aber erst seit die Medien über Ostdeutschland herfielen und es den Menschen zum Vorwurf machten, dass sie die Demokratie beim Wort nahmen.“

Der politisch links stehende Torben hingegen ist das größte A*loch des Buches und zudem noch ein naiver Trottel mit esoterischen Neigungen.

Überhaupt die Männerfiguren im Text. Sie sind weitestgehend westlich sozialisiert, während die fünf Frauengestalten, um die sich der Roman episodenhaft dreht und die durch Verwandtschaft, Freundschaft oder fünf Ecken miteinander verbunden sind, allesamt aus Ostdeutschland stammen. Den Männern wird hier allenfalls eine Nebenrolle eingeräumt, nämlich die als Verursacher großer Leiden im Leben der Frauen oder als Objekt großer Sehnsüchte. Sie sind mit einer Ausnahme allesamt egoistisch, rücksichtslos, materialistisch. Dafür erfüllen sie, zumindest zu Beginn der Partnerschaft, die Mindestanforderung, die sie in den Augen der Frauen zu erfüllen haben: Sie sind „ein Gott im Bett.“

Überhaupt definieren sich die fünf Frauen, die man altersmäßig alle so um die Vierzig verorten kann, fast ausschließlich über die Männer, das Begehren, das sie bei diesen auszulösen vermögen, die Reaktionen, die sie bei ihnen hervorrufen. Dabei besitzen alle doch aufregende, erfüllende Berufe, sind Buchhändlerin, Ärztin, Schriftstellerin, Musikerin oder Schauspielerin – was man sich als Frau halt so erträumt. Aber auch diese Berufe spielen höchstens eine Nebenrolle. Genauso wie die Kinder, die aus den Verbindungen mit den Männern hervorgegangen sind und die irgendwie zum glücklichen, erfolgreichen Leben dazuzugehören scheinen, im Alltag aber eigentlich nur stören, nerven, unzumutbare Forderungen stellen. Obwohl sie das Mutterherz ja durchaus zum Schmelzen bringen können, beispielsweise, wenn sie so ruhig schlafen, wie kleine Kätzchen. Die passionierte Reiterin Judith verweigert als einzige die typische Paarbindung, pflegt dafür liebevoll ihr Pferd. Da es aber ohne Mann nun einmal nicht geht, besucht sie obsessiv Dating-Portale. Überraschenderweise erweisen sich die dort tummelnden Männer oft als Enttäuschung.

Wo sind die „starken Frauen“, auf die in den Besprechungen zu diesem Roman so gern Bezug genommen wird? Die Frauenfiguren im Roman sind allesamt egozentrisch und wehleidig, als Lösung ihrer Probleme fällt ihnen meistens nichts anderes ein als Sex oder Heulen, oder beides zusammen. Selbst echte Schicksalsschläge, wie der Tod eines Kindes, können mich als Leserin da nicht mehr erreichen. Die fünf Charaktere gleichen sich zu sehr, das bleibt stets eindimensional, Distanz oder einen kritischen Blick der Autorin vermisse ich. Da wird lamentiert, erduldet und erlitten, anderen Frauen der Mann ausgespannt, geneidet und intrigiert. Wo bleibt die Emanzipation, wo modernes weibliches Selbstverständnis? Dieser Text hat mich zunehmend verärgert.

Dazu kommen Figuren, die Brida Lichtblau heißen, Katzen die auf den Namen Felicitas getauft sind, „vegane Tomatensoße“, ständig wird etwas Hochwertiges für die Küche eingekauft. Das finde ich prätentiös.

Am meisten hat mich aber gestört, dass ich Rollenprosa und Autorenstimme so wenig auseinander halten konnte. Als kritischen Blick auf die Frauen und ihre Verhaltensmuster, hätte der Text vielleicht auch für mich Bestand gehabt. Aber hier ist zu viel Identifikationsangebot, zu viel Nähe zu den Figuren, die ich einfach nicht mag. Und so bleibt das Buch für mich nur Befindlichkeitsliteratur.

Aber kann Daniela Krien denn schreiben? Ich denke schon. Dramaturgisch ist das Buch gut gemacht, die fünf Frauengeschichten geschickt ineinander gewebt. Die Sprache ist lakonisch, schlicht, gut lesbar. Aber das war mir dann letztlich leider egal.

 

Positive Rezensionen gibt es zuhauf, schaut mal bei Nicoles Nachtundtagblog. Etwas verhaltener aber auch positiv bei Studierenichtdeinleben und Frau Lehmann.

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Daniela Krien - Die Liebe im Ernstfall.

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Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Diogenes Februar 2019, Hardcover Leinen, 288 Seiten, € 22,00

Dilek Güngör – Ich bin Özlem

„Ich bin Özlem. Meine Eltern kommen aus der Türkei.“

Obwohl Özlem nur wenige Urlaube in der Türkei verbracht hat, sie wenig mit der türkischen Kultur und noch weniger mit dem islamischen Glauben verbindet, einen deutschen Ehemann und zwei Kinder mit nicht-türkischen Namen hat, dazu deutsche Freunde, einen deutschen Pass und eine komplett deutsche Sozialisation – immer wieder taucht er auf, der sogenannte „Migrationshintergrund“.

Immer wieder wird Özlem mit Zuschreibungen konfrontiert, sei es wenn eine Freundin mit ihr zum Tag der Moscheen gehen möchte, weil „du kannst mir dazu sicher was erzählen“, sei es wenn sie immer wieder gefragt wird, woher sie „eigentlich“ komme. Da ist wenig Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit, mehr Gedankenlosigkeit und Unbedachtheit. Und doch ist es eine Art von Ausgrenzung – Wir und du, die du nicht so bist wie wir, wenigstens nicht so ganz. Dabei weiß Özlem selbst meist nicht so genau, ob ihr Gegenüber sie nur besser kennenlernen will, an ihr interessiert ist, oder sie nur in eine der Schubladen stecken will, die wir Menschen so gerne mit uns herumtragen.

Da ist Özlem selbst die, die diese Schublade vielleicht am häufigsten aufzieht. In vorauseilendem Gehorsam quasi. Oder warum bringt sie immer wieder türkisches Essen mit, warum erzählt sie immer wieder Anekdoten von ihrer türkischen Verwandtschaft und schiebt immer wieder dieses „Meine Eltern kommen aus der Türkei“ hinterher?

Dabei hat sie an ihre türkische Herkunft und Identität fast nur unangenehme Erinnerungen und fühlt eine unbezwingbare Scham. Immer wieder holen die Vorurteile über den lauten, nach Knoblauch riechenden, unsauberen „Türken“ sie ein. Fast alle davon stammen aus ihrer Kindheit, in der sie die Kluft zwischen sich und den „echten“ Deutschen am stärksten gespürt hat.

„Man entkommt dem nicht“ muss sie feststellen, und das ist sicher auch das Fazit der Autorin, der Journalistin, Kolumnistin und Übersetzerin Dilek Güngör, auch sie 1972 bereits in Deutschland, in Schwäbisch-Gmünd geboren.

Sensibel und vielleicht überempfindlich reagiert Özlem auf Bemerkungen ihrer eigentlich völlig aufgeschlossenen und liberalen Freunde. An der Diskussion über die geeignete Schule für den Nachwuchs – möglichst nicht die mit dem hohen Migrantenanteil – entzündet sich ein Disput, der die Freundschaft ins Wanken bringt und Özlem zum Nachdenken. Identität und Herkunft, vielleicht sind das Dinge, die sie mehr als andere Leute umtreiben. Vielleicht zu sehr.

„Weißt du, ich pflege das und hätschele es, ich weiß nicht einmal, wie ich es nennen soll, mein Identitätsmantra. Ich habe mich da gut eingerichtet.“

Sensibel, genau und selbstkritisch beleuchtet Dilek Güngör die Suche ihrer Protagonistin nach einer Versöhnung von Herkunft und Identität und die Gedankenlosigkeit ihrer Umwelt. Sie tut das ohne Belehrung oder gar Anklage, sie schaut und weist nur hin. Nicht zwischen zwei Kulturen zu stehen, sondern inmitten der beiden, nicht entweder oder.

Das wäre dann wirklich Zuhause.

 

Beitragsbild: Chemnitz-Zuhause Photo: Andreas Praefcke [CC BY 3.0] via Wikimedia Commons

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Dilek Güngör – ICH BIN ÖZLEM
Verbrecher Verlag Februar 2019, Hardcover, 160 Seiten, 19,00

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

Genau eines der für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Bücher der Kategorie Belletristik hatte ich im Vorfeld gelesen. Recht fokussiert, wütend und bitter(böse) räumte ich ihm eigentlich keine großen Chancen für den Gewinn ein. Aber Anke Stelling hat mit ihren „Schäfchen im Trockenen“ die Jury augenscheinlich genauso überzeugt wie mich.

Resi hat das Wort. Resi ist eine direkte Nachfolgerin von Sandra aus Stellings erstem Roman „Bodentiefe Fenster“ und wohl eine direkte Stellvertreterin der Autorin selbst. Denn die drei haben vieles gemeinsam.

Sie stammen aus den sogenannten „einfachen Verhältnissen“, sind gebildet und gut ausgebildet, leben als mehrfache Mütter in Berlin und haben mit ihrem Alltag und seinen Ansprüchen zu kämpfen.

Diese Ansprüche sind hoch, dazu kommen die eigenen Erwartungen und der Druck der eigenen sozialen Blase, die bei Sandra und Resi und vermutlich auch Anke Stelling vom gutsituierten linksliberalen Bürgertum gebildet wird. Man will sich selbst verwirklichen, interessanten Berufen nachgehen, daneben eine perfekte Beziehung führen, wohlgeratene Kinder auf gute Schulen stecken, moderne Lebenskonzepte umsetzen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen mitunter auseinander, das soll aber möglichst im Geheimen geschehen, nach außen soll die Fassade des gelingenden, des glücklichen Lebens um jeden Preis aufrechterhalten werden. Verratene oder zumindest beiseitegeschobene einstige Ideale, wie das der Chancengleichheit, des Gemeinsinns, des gesellschaftliches Engagements und der sozialen Gerechtigkeit stören da genauso wie Menschen, die zu genau hinschauen, zu scharf analysieren, zu sehr hinterfragen, bissig, zynisch, wenn auch selbstkritisch.

Solche Menschen sind sowohl Sandra, die in „Bodentiefe Fenster“ das sie umgebende Milieu eines innovativen Wohnkonzepts in Berlin, Prenzlauer Berg beobachtet, als auch Resi, deren Freunde ein solches „Baugruppenprojekt“ verwirklicht haben. Auch Anke Stelling wohnt in einer solchen Baugenossenschaft.

Prenzlauer Berg by Katherine Sharpe (CC BY 2.0) via Flickr

Resi konnte und wollte das Geld für die „Baugruppe K23“ nicht aufbringen. Sie ist Schriftstellerin, ihr Mann Sven freischaffender Künstler, die beiden haben vier Kinder, das Geld ist trotz einiger Erfolge stets knapp. Nun hat Resi auf Anfrage einer Zeitschrift einen Artikel über ihr Milieu, die aufstrebenden bzw. bereits oben angekommenen Prenzelberger geschrieben und nach dessen großem Erfolg darauf aufbauend einen Roman. Wir dürfen ihn uns getrost als ähnlich den „Bodentiefen Fenstern“ vorstellen: bissig, zynisch, witzig und hoch analytisch. Die Freunde, die einst in den Achtziger Jahren gemeinsam mit Resi aus dem Schwäbischen nach Berlin gezogen, dort studiert und zusammengelebt haben, haben nacheinander in verschiedenen Sparten reüssiert und/oder reüssierende Partner geheiratet haben. Alle bis auf Resi.

„wenn ich schon Kunst machen muss, hätte ich wenigstens einen Erben oder Besserverdienenden heiraten sollen, entweder oder, Selbstverwirklichung oder Liebesheirat, beides zusammen geht nicht, jedenfalls nicht in Zeiten knapper werdender Ressourcen und steigender Miet- und Meeresspiegel.“

Resi merkt die wachsende Ungleichheit in den Beziehungen zwischen ihr und ihren wohlhabenden Freunden, die alle auch aus bereits wohlhabenden Familien stammen. Eine Tatsache, die in den Jugendjahren, in den Achtziger Jahren, wo Chancengleichheit für alle soziale Gruppen, wo soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft noch ernst gemeinte Programme waren, kaum auffiel, die Resi aber zunehmend zu schaffen macht. Besonders jetzt, da sich die alten Freunde fiktionalisiert, aber durchaus erkennbar, in Resis bitter-sarkastischem Roman wiederfinden. Sie fühlen sich verraten, missbraucht, kündigen Resi nicht nur die Freundschaft, sondern auch die durch einen Altvertrag mietpreisgebundene Wohnung in Prenzlauer Berg, die Resi, Sven und die vier Kinder als Untermieter bewohnen. Was soll werden? Dem Mietpreiskampf in der Innenstadt sind sie nicht gewachsen, immer wieder wird der S-Bahn-Ring auch als soziale Grenze verstanden, taucht als „Schreckensbild“ für Resi die Hochhauswohnung in Berlin Mahrzahn auf.

„Es gibt kein Recht auf Wohnen in der Innenstadt.“

Noch hat sie sich nicht getraut, Sven und den Kindern von der Kündigung zu erzählen. Mit „Schäfchen im Trockenen“ schreibt sie für ihre älteste Tochter, die 14jährige Bea, auf, was sie beschäftigt, wie es dazu kam, was sie darüber denkt.

Berlin, Prenzlauer Berg by micharl_foto (CC BY-NC-ND 2.0) via flickr

Das ist von einer kaum bewältigten Wut, von einer großen Enttäuschung, von einer lähmenden Verzweiflung. Es ist ein gnadenloser, dabei aber auch sehr differenzierter Blick auf das „Selbstverwirklichungsmilieu“, das unter Aufgabe alter, oftmals linker Ideale sanft in die Bürgerlichkeit driftet und diesen Status mit aller Macht , vor allem auch die Fassade wahren will. Dass dahinter nämlich auch so manches faul ist, gerade auch was die Rolle der Frauen, der Mütter betrifft, ahnt man natürlich. Und da wären wir auch wieder bei Sandra aus „Bodentiefe Fenster“ und ihrer genauen, sezierenden Analyse und den unrealistischen Ansprüchen, die an Frauen und Mütter, gerne auch von ihnen selbst, gestellt werden. Und gegen die sie sich nur unzureichend wehren.

„Wir sind Meisterinnen des schönen Scheins, der Beschwörung des heilen und heilenden Familienlebens, darin werden wir von unseren Müttern geschult.“

Auch Resis verstorbene Mutter Marianne war so eine Meisterin des Verdrängens, des Verschweigens. In ihrem Tagebuch, das Resi nach ihrem Tod fand, stand als einziger Satz „Wieder zu viel gegessen.“ Welche Träume und Sehnsüchte sie gehabt haben mag, fragt sich Resi mit fortschreitendem Alter immer mehr. Wütend hat sie sie selten erlebt, auch wenn sie manchmal auf schwäbisch sagte „Da geht mir das Messer in der Tasche auf.“ Aber es war klar, „dass sie das Messer unbenutzt wieder einklappen würde.“ Denn:

„Verstehen ist ein äußerst wirksames Betäubungsmittel für hungrige, schmerzende Herzen, viel besser als Wut, weil die Wut irgendwann einen Ausbruch braucht, wenn man nicht ersticken oder platzen will an ihr, und wer weiß: Am Ende trifft es noch den Falschen oder war von vornherein überzogen, unberechtigt gar. Auf jeden Fall ist sie riskant, weil sie laut ist und weithin sichtbar.“

Einen Weg, den Frauen oft scheuen.

„Nicht auffallen, nicht stören; dienen, verschwinden.“

Resi ist ihn gegangen, aber hadert mit sich. Nun will sie darüber reden/schreiben, Gedanken ordnen, Erkenntnis gewinnen. Ihr Bericht ist voll mit Rückblicken, Selbstgesprächen, Träumen, Fantasien, sie lässt uns Leser*innen daran teilhaben. Reden/Schreiben auch als Weg aus der Krise.

LBM19_Anke Stelling erhält den Preis der Leipziger Buchmesse
Foto: ©Leipziger Buchmesse

Der Name der Protagonistin stammt nach Anke Stellings eigener Aussage vom griechischen Parrhesia ab, und bedeutet Redefreiheit oder über alles sprechen. Laut Definition (Wikipedia) wird „Einer, der Parrhesia verwendet, (wird) nur als solcher erkannt, wenn er eine glaubwürdige Beziehung zur Wahrheit hat, wenn er sich selber oder populäre Meinungen der Kultur kritisiert, wenn die Offenbarung dieser Wahrheit ihn in Gefahr bringt, und er dennoch die Wahrheit spricht, weil er es als seine moralische, soziale und/oder politische Pflicht erachtet, dies zu tun. Weiterhin muss eine Parrhesia-sprechende Person in einer sozialen Position sein, die unterhalb derjenigen ist, die sie kritisiert.“

Resi bringt sich durch ihr Beharren aufs Hinsehen und Aussprechen in Gefahr (und auch Anke Stelling hat ihr erster Roman einiges an Ärger gebracht). Sie bringt aber auch ihre Leser*innen in Gefahr, indem sie an ihrem Selbstbild rüttelt und an gesellschaftlichen Gegebenheiten. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass der Roman auch ungeheuer witzig ist. Ein bitterer Witz, der einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleiben lässt.

Der NDR hat „Schäfchen im Trockenen“ zu einem der wichtigsten Bücher des Jahres 2018 gewählt, für den Deutschen Buchpreis war es nicht einmal nominiert. Ein Versäumnis, das die Leipziger Buchmesse nun nachholt. Anke Stelling gewinnt deren Preis, so wie auch Resi am Ende für ihr Buch einen Preis erhält. Und vielleicht lässt es sich ja auch anderswo prima leben, abseits der Welt des schönen Scheins.

 

Weitere Rezensionen bei Claudia auf dem Grauen Sofa und auf Studierenichtdeinleben

Beitragsbild: Prenzlauer Berg by Georg Schroll (CC BY-NC-SA 2.0) via flickr

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Anke Stelling – SCHÄFCHEN IM TROCKENEN

Verbrecher Verlag August 2018, Hardcover, 272 Seiten, 22,00 €

 

Backlist: Anke Stelling – Bodentiefe Fenster

Sandra ist eine von denen, die „eigentlich alles haben“: einen netten, verständnisvollen und unterstützenden Mann, zwei Wunschkinder, einen Job als freie Journalistin mit Büro fernab der Wohnung, der ihr genug Freiraum lässt, eine schöne Wohnung in Prenzlauer Berg in einem innovativen Wohnprojekt „Mehrgenerationenhaus“, alles natürlich ökologisch bestens durchdacht, und sogar einen Kitaplatz in der Nähe.

„Es geht uns gut.“
versichert sie sich so auch einige Male im Verlauf des Romans, der ein innerer Monolog Sandras ist, eine Selbstvergewisserung, eine Klage.

Denn natürlich ist nicht alles gut in Sandras Biotop. Und dass das so ist, lässt Sie zunehmend verzweifeln.
Die Ansprüche sind hoch in ihrer Umgebung der wohlsituierten, gebildeten, politisch und gesellschaftlich aufgeklärten Berliner. Nachhaltigkeit ist einer der Programmpunkte, ferner der soziale Diskurs und natürlich Kinder. Dabei muss Sandra feststellen, dass ihr alles, sogar letztere zunehmend auf die Nerven gehen.

„Unsere Energieniveaus passen einfach nicht zusammen „

muss sie einmal lapidar in Bezug auf ihren jüngsten Sohn Bo feststellen.
Und die Erziehungskonzepte der meisten anderen Eltern findet sie schauderhaft.
Entweder setzen die ihren Kindern gar keine Grenzen oder sie überbehüten sie, oft auch beides abwechselnd oder gleichzeitig. Die Kinder, ständig überfordert davon, maximal glücklich aufzuwachsen, benehmen sich dementsprechend.

„Wenn die Kinder schon ständig für uns Eltern und unsere Träume vom Leben einstehen müssen, dann sollten wir sie wenigstens dafür ausrüsten, sie unbarmherzig darauf trainieren – anstatt ständig zu behaupten, sie seien völlig frei und wir wollten es alle gemeinsam nur schön haben.“

Sandra schaut genau hin, manchmal quälend genau. Sie sieht manchmal zu schwarz, viele Dinge sind ziemlich überspitzt, oft nimmt sie die schrecklichsten Vorstellungen vorweg, um sie so zu bannen, das wird bisweilen leicht morbide.

„Jeden Tag passieren fürchterliche Dinge, und meine Kinder lernen in erster Linie, wie man austeilt und einsteckt. Wenn sie Glück haben, werden sie ein paar schöne Momente erleben und sich im Verlauf ihres elenden Lebens ab und zu daran erinnern. Mehr ist, realistisch betrachtet, nicht drin.“

Ihre Beobachtungen sind aber immer hoch analytisch, punktgenau, bissig, oft zynisch und auch selbstkritisch.
Die Zumutungen des Alltags nagen an ihr.

Ihre Ansprüche an sich sind gigantisch. Einerseits etwas, dass sie mit vielen heutigen Frauen, zumal Müttern, teilt, andererseits auch ein Erbe, dass ihr die Mutter hinterlassen hat. Diese, eine typische Vertreterin der 68er, der Reformpädagogik, hat ihre hohen Anforderungen an Selbstverwirklichung, Gemeinsinn, gesellschaftliches Engagement weitergegeben, ohne wirklich eine Lösung zu bieten, wie dieses mit dem Muttersein, Berufstätigkeit, mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu vereinbaren ist.
Sandra hat immer wieder Parolen des Liedermachers Volker Ludwig im Kopf.

„Einer ist Keiner/zwei sind mehr als einer./Noch reden uns die Großen rein und sagen was wir soll´n/Bald werden wir ganz viele sein und machen, was wir wolln“

tönen die Ideale aus ihrer Kinderladenzeit herüber.
Ihm wirft sie stellvertretend für die Elterngeneration vor:

„Was denn bitte, Volker? Wie kannst du mir das alles in den Kopf setzen und dich dann schön in die Pensionierung und auf dein Lebenswerk zurückziehen?“

Schon die eigenen Mütter sind daran gescheitert, von Psychopharmaka abhängig, haben sich umgebracht oder sonst wie aus der Verantwortung geschlichen. Sandra erkennt:

„Ich schultere da was, was ich gerne abwerfen würde, denn es ist nicht allein das Alter, fürchte ich, warum wir unseren Müttern immer ähnlicher werden. Es hat sich nichts, nicht das kleinste bisschen geändert.“

Dass dieses ständige Analysieren, Hadern mit der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, das sich für alles verantwortlich Fühlen auf Dauer nicht gut gehen kann, ist klar. Sandra steuert auf den nervlichen Zusammenbruch zu, oder milieuspezifischer, auf den Burnout. Und wir sind mittendrin in der „Vereinbarkeitslüge“, dass es nämlich geht, gleichzeitig politisch und gesellschaftlich engagiert, berufstätig, fit, schön und fröhlich und gleichzeitig als Mutter für das Glück und das Wohlgedeihen diverser Kinder verantwortlich zu sein.

„Ich bin momentan dabei, mir über diverse Widersprüchlichkeiten klar zu werden, ich frage mich, wie weit man gehen darf in der Sorge um andere, und ob diese nicht am Ende immer nur die egoistische Sorge um einen selbst ist.“

Sandra ist am Schluss vielleicht einen Schritt weiter, wenn sie erkennt, dass ihre „Sehnsucht nach der Schönheit und Lautstärke orchestrierter Einzelstimmen“ wohl in erster Linie eine Sehnsucht bleiben wird, dass auch manchmal Disharmonien dazu gehören und man nicht immer allen Erwartungen, auch den eigenen entsprechen muss.
Anke Stelling hat ein klares, pointiertes, dabei oft witziges und vor allem im besten Sinne gesellschaftlich relevantes Buch geschrieben.

Anke Stelling wurde mit „Bodentiefe Fenster“ für den Deutschen Buchpreis nominiert stand auf der Hotlist 2015 und hat den Melusine-Huss-Preis gewonnen.

Ihr aktuelles Buch „Schäfchen im Trockenen gewann unlängst den Preis der Leipziger Buchmesse. (Rezension folgt in den nächsten Tagen)

(Rezension aus dem September 2015)

 

Beitragsbild: Foto von mali maeder via Pexels

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Anke Stelling – Bodentiefe Fenster

Verbrecher Verlag März 2015, Hardcover, 256 Seiten, 19,00 €

 

Sigurður Pálsson – Gedichte erinnern eine Stimme

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht
Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß
Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben auf dem Tisch
Der, der am Tisch saß
ist verschwunden

 

Der, der am Tisch saß, ist verschwunden. Der isländische Dichter, Autor und Übersetzer Sigurður Pálsson ist am 19. September 2017 verstorben. Sein letzter Gedichtband, sein sechzehnter, ist gerade auf Deutsch in einer ausgesprochen hochwertigen und schönen zweisprachigen Ausgabe im Elif Verlag erschienen. Übertragen wurden die Gedichte von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Auf dem Blog des Letzteren, den ich im Übrigen allen an Literatur aus Island interessierten empfehlen möchte, habe ich zum ersten Mal von Sigurður Pálsson gehört und gelesen. „Sigurður Pálsson – Gedichte erinnern eine Stimme“ weiterlesen

Nicoletta Giampietro – Niemand weiß, dass du hier bist

1942 in Siena, Italien befindet sich seit zwei Jahren an der Seite des Deutschen Reichs im Weltkrieg, von dem man zunächst recht wenig mitbekommt. Zwar sind Lebensmittel rationiert, doch man kommt zurecht. Und weite Teile der Bevölkerung erleben die Siege der Achsenmächte wie im Rausch, Benito Mussolini ist noch der fast gottgleiche Führer, Italien das strahlende Mutterland, für das man gerne in den Krieg zieht.

So sieht es auch der zwölfjährige Lorenzo, ein fleißiger und eifriger Balilla, Mitglied der Jugendorganisation der Nationalen Faschistischen Partei. Auch in Italien wurden die Kinder von klein auf auf die richtige ideologische Schiene gesetzt. „Nicoletta Giampietro – Niemand weiß, dass du hier bist“ weiterlesen

Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind

„Welch schöne Tiere wir sind“.

Reichlich Selbstverliebtheit, eine Spur Lebensekel, Langeweile, Überdruss – all das spielt hinein in diesen Ausspruch der 24 jährigen Naomi Codrington, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren in Lawrence Osbornes neuem Roman, der ihm den Titel verlieh.

Naomi ist auf der sogenannten Sonnenseite geboren, der Vater schwerreicher Besitzer einer Fluglinie und Kunstsammler. Die leibliche Mutter starb, als Naomi ein Teenager war, aber wirklich viel Trauer darüber ist im Buch nicht zu spüren. Das mag daran liegen, dass der Roman strikt in der Handlungsgegenwart verbleibt. Rückblenden, Erinnerungen, Verschiebungen der Zeitebenen gibt es hier nicht. Und auch die Protagonisten denken selten rückwärtsgewandt. Das verschafft dem Erzählten eine interessante Oberflächlichkeit, die zu den handelnden Personen zu passen scheint. „Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind“ weiterlesen