Jaume Cabré – Eine bessere Zeit

Vor etwas mehr als zehn Jahren erschien der Roman „Die Stimmen des Flusses“ auf Deutsch. Ein großangelegtes katalanisches Epos, das die spanische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso gekonnt ins Visier nahm wie die menschlichen Verstrickungen in einem Dorf tief in den katalanischen Pyrenäen. Der Autor Jaume Cabré, Jahrgang 1947 und vielfach ausgezeichnet, schuf damit ein Meisterwerk.

Nun erschien ein „neues“ Werk auf Deutsch, das sich bei genauerem Hinsehen aber als ein bereits 1996 im Original erschienenes erweist. Und wenn auch so manches, das in den „Stimmen“ so überwältigte, auch hier angelegt ist – die virtuose Konstruktion, die Zeit- und Perspektivensprünge, die Personen- und Detailfülle, die vielfältigen Reminiszenzen -, kommt dieser Roman doch leider nicht an den Nachfolger heran. Dieser vereinte Familienepos, historischen Roman und Polit-Thriller auf kunstvolle und überzeugende Weise, war gleichzeitig erschütternde Erinnerung an die blutigen Zeiten des Spanischen Bürgerkriegs. „Jaume Cabré – Eine bessere Zeit“ weiterlesen

Kat Menschik – Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten

Gleich zu Beginn ein Geständnis: Ich habe bisher noch nie etwas von Edgar Allan Poe gelesen. Seine Geschichten kenne ich nur über den Umweg der Musik. In den Siebziger Jahren vertonte The Alan Parsons Project ausgewählte Werke des Autors auf dem Album „Tales of mystery and imagination“. Ich bin kein Fan von Phantastischer Literatur, von Schauergeschichten oder dunkler Romantik. Deshalb blieb dieser Klassiker für mich ein ebenso weißer Fleck wie beispielsweise E.T.A. Hoffmann.
Dass sich das nun geändert hat, verdankt sich einem neuen Band aus der von Kat Menschik illustrierten Buchreihe des Galiani Verlags. „Unheimliche Geschichten“ umfasst drei kürzere Erzählungen, die einst von Fjodor Dostojewski zusammengestellt wurden, dessen Nachwort auch in das Büchlein aufgenommen wurde. Dostojewski ging es darum, den häufig vorgenommenen Vergleich Poes mit E.T.A. Hoffmann als unzutreffend zu bezeichnen. Der Amerikaner sei auf eine materialistische Weise phantastisch, quasi „einzig der äußeren Gestalt nach“. Anders als Hoffmann, der „die Kräfte der Natur in Bildern“ personalisiere, ginge es Poe darum, unnatürliche Ereignisse denkbar und erklärbar zu machen. Dass Dostojewski E.T.A. Hoffmann für literarisch überlegen hält, verschweigt er nicht. Dennoch bewundert er zum Beispiel Poes Gabe der Imagination und der Schilderung von seelischen Zuständen seiner Protagonisten. So sind auch sicher nicht zufällig zwei Geschichten in der Zusammenstellung vertreten, die als Inspiration für „Schuld und Sühne“ gedient haben könnten.

Es sind zwei der bekannteren Erzählungen, „Das verräterische Herz“ und „Der schwarze Kater“, die sich beide um grausige Verbrechen drehen. In beiden Fällen erzählt der Täter selbst von ihnen, von Beginn an herrscht Klarheit darüber, was geschehen ist. Es geht um das Wie der Taten. Und es geht dem Täter um eine Beichte, der allerdings keinerlei Reue oder auch nur Bedauern zugrunde liegt. Wichtig ist dem Ich-Erzähler allerdings beide Male, nicht als verrückt zu gelten. Dabei ist aber gerade das Verrückt-Sein das, was ins Auge springt. Bei beiden Taten handelt es sich um brutale Morde bzw. Totschlag an Menschen, die der Täter eigentlich mochte, ja im zweiten Fall sogar innig liebte. Und doch scheinen sie ihn kaum zu berühren, er entsorgt sogar in aller Seelenruhe die Leichname und scheint damit sogar durchzukommen. Doch dann entlarvt er sich in beiden Fällen vor der Polizei selbst.

Die letzte Geschichte „Der Teufel im Glockenturm“ ist unbekannter und auch recht abgedreht. Sie handelt von einer kleinen seltsamen Gemeinde in einem holländischen Tal (!) und deren Untergang durch den Besuch eines noch seltsameren Fremden.
Um es direkt zu sagen: Edgar Allan Poe und ich werden wohl keine Freunde werden. Ich bewundere die Modernität seiner immerhin schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Erzählungen (sicher trägt auch die Neuübersetzung von Steffen Jacobs zu der guten Lesbarkeit bei) und habe natürlich großen Respekt vor seinem überragenden Einfluss auf andere Autoren, auf die Kriminalliteratur, die Gothic novel, Science-Fiction und Poesie des Symbolismus. Mir persönlich sind die Geschichten allerdings zu wahnhaft, düster, beklemmend.
Dennoch ist diese Ausgabe eine ganz dringende Empfehlung für alle Freunde des schönen Buch.

Wie gewohnt, ist auch dieser Band der von der Illustratorin Kat Menschik gestalteten Reihe ganz exquisit und individuell ausgestattet – dreiseitiger Farbschnitt, ganzseitige Bilder, neonfarbige Lackschrift – einfach ein Hingucker. Es ist zu bewundern, wie Kat Menschik für jeden der Bände eine ganz eigene Bildsprache und Farbgestaltung findet. Waren es im Vorgängerband „Moabit“ von Volker Kutscher Blautöne und ein eher gedämpftes Orange, die die an Werbeillustrationen der Weimarer Republik erinnernden Illustrationen farblich fassten, so greift Menschik hier zu einer eher abstrakten, surrealen Bildsprache in Neonorange und einem dunklen Lila.


Die illustrierte Reihe von Galiani verlockt zum Sammeln, zum Einfach-alle-haben-Wollen. Meine Lieblingsbände sind „Romeo und Julia“ und besagtes „Moabit“, aber auch Kafkas „Landarzt“ und E.T.A. Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ sind richtige Schmuckstücke. Ich freue mich auf jeden Fall auf eine Fortsetzung.

Eine weitere Besprechung findet ihr bei Lesen in vollen Zügen

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Kat Menschik – Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten

Aus dem Englischen neu übersetzt von Steffen Jacobs

Galiani Berlin April 2018, Pappband mit lackierter Neonfarbe, mit zwei Echtfarben gedruckt, Rundumfarbschnitt, 96 Seiten, € 18,00

 

Marcelo Figueras – Das schwarze Herz des Verbrechens

„Das ist die Macht, die die Literatur gewährt: Sie drängt uns, in die Haut der anderen zu schlüpfen, sich vorzustellen, was die fühlen, die nicht wir sind. Das kann dreckig sein, wenn es Schmerz hervorruft; (…)Trotzdem würde ich es nicht eintauschen wollen. Denn das ist der Grund, warum wir erzählen und lesen. Um Empathie zu erzeugen. Um mit unseren Gefühlen das Gefängnis zu überwinden, in das unsere Haut uns sperrt. Wenn man nicht von anderen ergriffen wird, woher soll man dann wissen, dass man lebt?“

Rodolfo Walsh, Jahrgang 1927, ist ein argentinischer Klassiker. Er gilt als Erfinder des investigativen Journalismus in Argentinien, schrieb weit vor Truman Capote etwas, das man „Testimonio“ nannte, den Tatsachenroman, „True crime“, eine auf Zeugenberichten aufgebaute, literarische Nacherzählung von Ereignissen. In Deutschland ist er eher unbekannt, drei seiner Werke erscheinen im Züricher Rotpunktverlag.

Eines davon, „Das Massaker von San Martin“ (Original: „Operacíon masacre) von 1957, nahm der argentinische Autor Marcelo Figueras nun als Ausgangspunkt für seinen neuen Roman. Er ist eine Hommage an den engagierten Journalisten und Schriftsteller Walsh, der 1977 von einem Einsatzkommando der Militärjunta auf offener Straße erschossen wurde (wie übrigens ein Jahr zuvor seine ebenfalls oppositionell arbeitende Tochter). Eine Hommage, aber alles andere als eine eindimensionale Heldenverehrung, sondern eine differenzierte Persönlichkeitsstudie und seinerseits eine Art „Testimonio“. „Marcelo Figueras – Das schwarze Herz des Verbrechens“ weiterlesen

Deborah Levy – Heiße Milch

„2015. Almería. Südspanien. August.“

Deborah Levy schafft von Beginn an eine sehr eindrückliche, sehr sinnliche Atmosphäre für ihren neuen Roman „Heiße Milch“, der 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize stand. Sogleich entstehen Kinobilder im Kopf des Lesers, die man sich sehr gut auf großer Leinwand vorstellen kann: die flirrende Hitze, die ausgedörrte Landschaft am Fuße der Sierra Nevada, die sich kilometerlang hinziehenden Gewächshausfolien, unter denen Tomaten und anderes Gemüse heranreifen.

In diese Landschaft stellt die Autorin ein kleines Ferienhaus, in dem zwei Britinnen untergebracht sind, Mutter und erwachsene Tochter. Die Atmosphäre ist aufgeladen und ein wenig surreal. Nebenan ist eine Tauchschule, an der jeden Morgen zwei Mexikaner herumweißeln, während der cholerische Inhaber am Computer spielt und sein auf dem Dach angeketteter Hund sich die Seele aus dem Leib bellt. „Deborah Levy – Heiße Milch“ weiterlesen

Eshkol Nevo – Über uns

Ein Hausroman – aber keiner von der üblichen Sorte. Denn um die Beziehungen der Bewohner untereinander geht es hier nur sehr am Rande. Tatsächlich sind die Figuren lediglich durch die Tatsache verbunden, dass sie alle im selben Haus am Rande von Tel Aviv beheimatet sind. Auch geht es nicht in erster Linie darum, unterschiedliche Menschen mit dem Rahmen „Wohnhaus“ vorzustellen und ihre Geschichten zu erzählen.

Eshkol Nevo ist studierter Psychologe (und Enkel des israelischen Ministerpräsidenten von 1963 bis 1969, Levi Eshkol) und hat mit seinem Roman „Über uns“ (auch) ein anderes Ansinnen. „Shalosh komot“ lautet der Originaltitel  „Drei Etagen“. Und richtig, Nevo möchte auf spielerische Weise das Freudianische Strukturmodell der Psyche mit seinen drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich in einen erzählenden Text fassen. Drei Instanzen, die jeweils auf einem Stockwerk eines Wohnhauses angesiedelt sind. Drei Erzählungen, die nur lose miteinander zu tun haben. „Eshkol Nevo – Über uns“ weiterlesen

Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung

Sanaa ist 22, wohnt noch zuhause bei ihren Eltern und studiert, etwas unmotiviert, ein wenig planlos. Das ist soweit nicht ungewöhnlich, und doch ist alles ein wenig schwieriger für Sanaa als für viele ihrer Altersgenossen.

Sanaa ist gebürtige Kurdin, mit zehn Jahren ist sie mit ihren Eltern aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Eine Migrantengeschichte, wie wir sie so oft hören. Die Eltern haben in all den Jahren nie wirklich Fuß gefasst in der neuen Umgebung, die sie schwerlich neue Heimat nennen können. Der Vater hangelt sich von einem eher prekären Job zum nächsten, die Mutter ist in tiefe Depressionen verfallen. Die pubertierende Schwester Helin ist nach Sanaas Ansicht nur auf der Welt, weil ihre Eltern durch die Schwangerschaft einer Abschiebung entgehen wollten. Sie ist rebellisch, ablehnend, mit ihrer aufkommenden Sexualität beschäftigt. Kein glückliches Elternhaus, zumal Sanaa ihren zunehmend abwesenden Vater verdächtigt, eine Geliebte zu haben. „Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung“ weiterlesen

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

„Sylvia, Angela, Gigi, August. Wir waren vier Mädchen, unglaublich schön und schrecklich allein.

Das ist Erinnerung.“

Die vielfach für ihre Kinder- und Jugendromane preisgekrönte US-amerikanische Autorin Jacqueline Woodson bleibt auch in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch für Erwachsene ihrem Personal treu.

Die Anthropologin August kehrt zur Beerdigung ihres Vaters zurück an den Ort ihrer Kindheit, Bushwick, Brooklyn, New York. „Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn“ weiterlesen

Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward gewann bereits 2011 mit ihrem zweiten Roman „Salvage the bones“ (Deutsch: „Vor dem Sturm“) einen der bedeutendsten Buchpreise der USA, den National Book Award. Dabei lieferte der Jahrhundertsturm Katrina den dunkel dräuenden Hintergrund einer Familiengeschichte aus der untersten Gesellschaftsschicht der amerikanischen Südstaaten. Armut, Hoffnungslosigkeit, Vernachlässigung, Drogen- und Alkoholmissbrauch, sexuelle Gewalt und Teenagerschwangerschaft, aber auch Solidarität in der Familie und besonders auch die Beziehung unter Geschwistern waren die Kernpunkte dieses Textes. Dinge, die die Autorin, die selbst aus einem ähnlichen Milieu abstammt und in Mississippi aufwuchs, nur zu gut kennt. Ihr ermöglichte ein wohlhabender Arbeitgeber der Mutter, die in den gutgestellten Haushalten putzen ging, eine Schul- und Universitätsausbildung. Das Verhältnis zu ihren Schwestern war sehr eng. „Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ weiterlesen

Michael Chabon – Moonglow

„Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe, beugen. Wo immer ich mir Freiheiten mit Namen, Daten, Ereignissen, Unterhaltungen oder den Identitäten, Motiven und Beziehungen von Familienmitgliedern und historischen Persönlichkeiten erlaubt habe, sei dem Leser versichert, dass es mit der entsprechenden Hemmungslosigkeit geschah.“

Dieser Vorbemerkung des Autors folgt eine überaus überraschende, erstaunliche und vor Einfällen sprühende Familiengeschichte, die ich lange Zeit gar nicht als eine autobiografische gelesen habe. Zwar sitzt da ein Michael am Bett seines sterbenskranken Großvaters, ja, auch hat er etwas mit dem Schreiben zu tun, aber so abenteuerlich und fantastisch, so turbulent und „hemmungslos“ kommt die Geschichte daher, dass sie kaum den üblichen Mustern eines Erinnerungsbuchs gleicht. Doch dann fällt, einmal im gesamten Buch, tatsächlich der Name „Chabon“ und die Leserin reibt sich verwundert die Augen. Doch was ist tatsächlich Fakt an diesen Aufzeichnungen? Es ist zum einen ein brillantes Spiel des Autors mit seinen Lesern, dies offen zu halten, und gleichzeitig ist es völlig belanglos. Nicht-Fiktives und Fiktives mischt sich auf so stimmige Weise, historische Ereignisse und Persönlichkeiten werden so ungezwungen eingebunden, dass neben einer atemberaubenden Familiengeschichte auch noch ein treffendes Zeitpanorama aus der amerikanischen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts entsteht. „Michael Chabon – Moonglow“ weiterlesen

Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort

„Wir sind keine Individuen. Die Lebenden suchen uns ebenso heim wie die Toten. Geglaubt habe ich das früher schon. Aber jetzt weiß ich es. Das war es, was er uns immer sagen wollte.“

Das Verwobensein in eine Gemeinschaft, hier die Familie, ist eines der für mich zentralen Motive in Adam Hasletts für den National Book Award und die Shortlist des Pulitzer Prize nominiertem Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“. Es ist eine eine Variation von John Donnes berühmtem Zitat „No man is an island of itself“.

So sehr der Mensch nach Individualität und Unabhängigkeit strebt, nach seinem eigenen, ganz persönlichen Weg durchs Leben, so ist er doch unlösbar verstrickt in das Geschick seiner Mitmenschen, in die Gesellschaft, die Menschheitsgeschichte. Und ganz besonders, so viel Widerstand er dagegen aufbauen mag oder ihm entgegengesetzt wird, ist er Teil seiner Familiengeschichte. Es sind die Menschen, die ihn und seinen Lebensweg am nachhaltigsten prägen, auf die eine oder andere Weise, ihm ein Erbe mitgeben. Sich daraus ganz zu befreien, ist fast unmöglich und manch einer sucht gerade in der Gemeinschaft Trost und Geborgenheit, fühlt für sie Verantwortung, die am zerstörerischsten auf ihn wirkt. „Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort“ weiterlesen