Juan Gabriel Vásquez – Die Gestalt der Ruinen

„Zum letzten Mal hatte ich Carlos Carballo gesehen, als er gerade in einen Polizeiwagen kletterte, die Hände in Handschellen auf dem Rücken, den Kopf eingezogen; am Bildschirmrand gab eine Textzeile Auskunft über die Gründe seiner Verhaftung: Er hatte versucht, den Anzug eines ermordeten Politikers zu stehlen.“

„Ich kann nicht behaupten, dass ich ihn gekannt hätte, aber wir waren so vertraut miteinander, wie es nur die sein können, die einander täuschen wollten.“

Die Begegnung mit Carlos Carballo lässt den Ich-Erzähler tief in die politische Vergangenheit eintauchen, wird seine Arbeit als Schriftsteller über Jahre bestimmen und führt letztendlich zu dem vorliegenden Buch. Juan Gabriel Vásquez ist Ich-Erzähler des Romans „Die Gestalt der Ruinen“ und gleichsam sein Autor – was wirklich autobiografisch und was Fiktion ist, kann der Leser nur mutmaßen. In einer „Anmerkung des Autors“ betont dieser allerdings, dass es sich um ein „fiktives Werk“ handelt.

„Der Leser, der in diesem Buch Übereinstimmungen mit dem realen Leben sucht, tut dies auf eigene Verantwortung.“

Dabei sind die historischen Ereignisse, von denen erzählt wird, gut dokumentiert und alles andere als fiktiv. „Juan Gabriel Vásquez – Die Gestalt der Ruinen“ weiterlesen

Frankfurter Buchmesse 2018 – 2. Tag

Auf den Messen verfliegt die Zeit so schnell, auch Tag 2 war randvoll mit Terminen, Eindrücken, wunderbaren Begegnungen und natürlich Büchern, Autoren, Literatur.

Hier Impressionen vom Messedonnerstag.

 

Inger-Maria Mahlke – Archipel

Das Archipel der Kanaren ist ein Ort im Abseits. Die sieben Hauptinseln liegen zwischen 100 und 500 Kilometer vor der Küste Nordwestafrikas, zu dem sie geologisch gehören, sind aber als eine von 17 Autonomen Gemeinschaften Teil des fast 1500 Kilometer entfernten Mutterlandes Spanien. So ein Blick vom Rand ermöglicht manchmal einen genaueren, präziseren Blick.

Diesen Blick hat die 1977 in Hamburg geborene Inger-Maria Mahlke auch als deutsche Schriftstellerin, wenn sie auf die Geschichte Teneriffas, der größten und bevölkerungsreichsten der Inseln, blickt. Dennoch ist es nicht der Blick der Zugereisten, gar der Touristin, denn Mahlke hat kanarische Wurzeln. Ihre Mutter stammt aus der geschichtsträchtigen ehemaligen Inselhauptstadt San Cristóbal de La Laguna, wo auch die Geschichte um mehrere Familien in „Archipel“ angesiedelt ist. Sie führt uns durch fast einhundert Jahre Inselhistorie, die immer auch spanische und letztlich europäische Historie ist. Ein im deutschsprachigen Roman eher abseitiges Thema, das aber so spannend dargebracht wird, dass es die Autorin damit auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreis geschafft hat, der am Montag verliehen wird. „Inger-Maria Mahlke – Archipel“ weiterlesen

Maxim Biller – Sechs Koffer

Kann man einen Text völlig losgelöst von seinem Autor lesen, sobald man diesen kennt, sei es durch eigene Begegnungen beispielsweise auf Lesungen, sei es durch Medienpräsenz, durch Interviews, Kolumnen? Vielleicht sollte man das können, mir gelingt es meist nicht.

Und so sitzt bei der Lektüre des schmalen Romans „Sechs Koffer“ sein Verfasser, der spätestens durch seine pointierte Beteiligung am „Literarischen Quartett“, aber auch durch etliche Beiträge im Feuilleton bekannte Maxim Biller, neben mir auf dem Sofa, sein charakteristisches Lächeln auf dem Gesicht und schaut mir über die Schulter. „Nun“, scheint er mich zu fragen, „was sagt ihr jetzt?“ Denn nach den fast überall negativen Besprechungen, die sein 900 Seiten starker Roman „Biografie“ vor zwei Jahren erhielt, legt der brillante Maxim Biller mit „Sechs Koffer“ einen diametralen Text vor. Vielleicht gar ein wenig trotzig, denn die Kritik an seinem „Opus magnum“ hat sicher geschmerzt. Und siehe da: die Herzen von Kritik und Lesern fliegen diesem schmalen Buch zu, es erreicht sogleich die Shortlist des Deutschen Buchpreis und hat gar nicht so schlechte Chancen auf den Gewinn.

Es sind dieselben Themen, die Maxim Biller zumeist umtreiben, es ist die fiktionalisierte eigene Familie und ihr tragisches Schicksal im 20. Jahrhundert, in den Grauen und Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit, es ist vor allem immer wieder das Jüdischsein, das Gefühl des Ausgestoßenseins, die Erfahrung von Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit, um die sich der Roman dreht. Im Gegensatz zu vielen Texten Billers kommt „Sechs Koffer“ aber auf leisen Füßen daher, wehmütig, fast zärtlich, ein wenig unscharf. Wenig Provokation, wenig Schrilles, wenig Sex. Am ehesten kommt der „alte“ Biller noch bei etlichen Personenbeschreibungen hervor, da hat der eine einen „bösen, verklemmten Antisemitenblick“, stecken die Deutschen in „hässlichen, grauen, sackartigen Mänteln“ und ein anderer besitzt ein „unfreundliches, kleines Osteuropäergesicht“. Ich muss zugeben, dass ich solche boshaften, verallgemeinernden Charakterisierungen nicht besonders mag.

Vordergründig geht es also um die Familie Biller, die Namen stimmen überein, die Lebenseckdaten ebenso. Und doch weist nicht nur die Gattungsbezeichnung „Roman“ darauf hin, dass man sich über den Wahrheitsgehalt des Erzählten nicht so sicher sein darf. Die Verunsicherung des Lesers kommt sicher zum großen Teil auch von der Unschärfe des Erzählten. Denn die große Frage, die den Erzähler Maxim Biller umtreibt, ist die nach dem ungeklärten Schicksal des Großvaters väterlicherseits, und sie bleibt weitestgehend unbeantwortet. Dieser Schmil Gregorewitsch ist 1960 im stalinistischen Moskau hingerichtet worden. Am Flughafen wurde er mit Westgeld erwischt – er war auf dem Weg nach Tschechien, wohin sein Sohn Semjon, der Vater Maxims, mit der Familie vor den schlimmsten Repressionen geflohen war -, um dem Enkel ein Auto zu kaufen, so die Familienlegende. Schmil war zuvor schon in etliche nicht ganz saubere Schwarzmarktgeschäfte verwickelt. Er ist eine Figur, die derart perfekt in die antisemitischen Schablonen vom schlitzohrigen, vom Geld besessenen, schlauen Juden, der sich mit Tricksereien und Betrügereien eine goldene Nase verdient, passt, dass Maxim Biller diese Figur jedem anderen Autoren um die Ohren gehauen hätte. Er selbst kokettiert gerne mit solchen Stereotypen. Auch das etwas, das ich nicht mag.

Koffer by By Markus G. Klötzer [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons
Woher wussten nun die Beamten am Moskauer Flughafen von dem Westgeld und den verbotenen Umtrieben des Großvaters, des „Taten“? Darum kreist der Roman, davon ist schon der kleine Maxim besessen. Ist es einer der drei Onkel? Ganz oben auf der Liste der Verdächtigen steht für ihn dabei Dima, der nach einem gescheiterten Fluchtversuch in den Westen für fünf Jahre im Gefängnis saß, bevor er in die Schweiz ausreisen durfte. Hat er in der Haft geplaudert? Oder war es seine schillernde Ehefrau, die Filmemacherin Natalja Gelerntner (die zwar laut Buch zusammen mit Louis Malle einen Filmpreis erhalten haben soll, über die aber im Internet nichts zu finden ist). Sie hatte stets ein angespanntes Verhältnis zur Familie. Oder war es einer der anderen beiden Brüder, etwa Lev, der lange für die Kommunisten als falscher Außenhandelsattaché in Westberlin tätig war, bevor er sich nach Zürich absetzte, und der lange kein Wort mehr mit der Familie wechselte? Oder der völlig farblos bleibende Wladimir, schon geraume Zeit nach Brasilien ausgewandert? Oder sogar die eigenen Eltern, der Übersetzer Semjon, die launische Rada, die nach der Station in Prag 1970 nach Hamburg emigrierten?

Nichts ist gewiss in diesem Roman. Ich-Erzähler ist Maxim, aber seine Stimme ist nicht die einzige, sondern Biller spielt mit den Erzählperspektiven, wechselt die Ich- mit verschiedenen Personalperspektiven der Familienmitglieder, zeigt unterschiedliche Blickwinkel. Dennoch werden die Figuren nicht plastischer, ist eine gewisse Halbdistanz beabsichtigt, weicht Biller nicht nur einer Identifizierung durch den Leser, sondern jeder Festlegung aus. Der Leser wird zudem mit ständig widersprüchlichen Informationen versorgt. Das mag einmal die Farbe des Kühlschranks, einmal das Wetter am Beerdigungstag oder einmal der Bezugsstoff des neuen Sofas sein, der einmal als kratzig und einmal als herrlich weich bezeichnet wird. Und so geht es auch mit der Charakterisierung der Personen. Der Leser kann sich niemals sicher sein.

Das ist sehr gut gemacht und passt perfekt zu der bis zuletzt ungeklärten Frage, wer denn nun den Taten verraten und damit umgebracht hat. Nur dass es wohl einer aus der Familie gewesen sein muss, steht von Anfang an fest. Nur warum eigentlich? Weil diese Familie völlig kaputt ist? Weil ihr jeder Verrat zuzutrauen ist? Weil in ihr eine unglaubliche Kälte zu herrschen scheint? Biller bleibt die Antwort darauf schuldig. Lediglich zu seiner Schwester Jelena scheint eine tiefere Beziehung zu bestehen. Die anderen sechs Koffer bleiben verschlossen, das Gepäck, das mit ihnen herumgetragen wird, undeutlich. Der Schluss des Buches ist genial und versöhnt mich mit einigen Kritikpunkten, die ich zuvor hatte, ließ mich das Buch gerade wegen seiner völligen Offenheit zufrieden zuschlagen. Da sitzt Jelena, die wie in der Realität über ihre Familie und den Tod des Großvaters ein Buch verfasst hat, in einer Talkshow, die Moderatorin fragt zum wiederholten Mal, wer denn nun, ihrer Meinung nach wirklich schuld am Tod des Großvaters ist.

„Das geht niemanden etwas an. Das verstehen sie doch, oder?“ „Nein, das verstehe ich eigentlich nicht“, sagte die Moderatorin höflich und plötzlich sehr streng, und dann erzählte ihr Jelena, wie es wirklich gewesen ist.“

Davor erzählt Maxim Biller melancholisch, bisweilen auch witzig, hin und wieder auf nicht ganz schöne Art boshaft, von einer seltsam zerstörten Familie, von Verrat, von der Unmöglichkeit absoluter Wahrheit, auch von Vertrauen und einer Last, die man einfach nicht loswird.

Die Sprache ist schlicht, aber der Aufbau intelligent, voller Anspielungen. Aber da sitzt er wieder, der Autor, neben mir. „Siehst du, ich kann auch so schreiben, dass ihr das alle lesen mögt“ scheint er mir, süffisant lächelnd zuzuflüstern. Und irgendwie fühle ich mich ein wenig manipuliert.

Besprochen wurde der Roman auch auf Travelwithoutmoving, Literatur leuchtet, Frau Lehmann liest und dem Leseschatz

Beitragsbild via Pixnio

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Maxim Biller – Sechs Koffer

Kiepenheuer&Witsch August 2018, 208 Seiten, Leinen, 19,00 €

 

Kamila Shamsie – Hausbrand

„Die wir lieben…sind Feinde des Staates.“

    Sophokles – Antigone

 

Schon im Motto ihres Romans „Hausbrand“ erzählt die britisch-pakistanische Autorin Kamila Shamsie eigentlich die ganze Geschichte.

„Homefire“ im Original trifft es, wie so oft genauer, denn es ist nicht das Haus, das hier brennt, sondern das Heim, die Familie, die Heimat, der Westen, Großbritannien. Und die große, klassische Geschichte, die hier neu gefasst wird, ist die der Antigone. „Kamila Shamsie – Hausbrand“ weiterlesen

Stephan Thome – Gott der Barbaren

Bis zu 30 Millionen Opfer forderte die Taiping-Rebellion in China zwischen 1851 und 1864 und ist damit der opferreichste Bürgerkrieg der ganzen Menschheitsgeschichte.

„Taiping?“ mag sich da so mancher fragen, und tatsächlich ist es verblüffend, wie wenig man hierzulande über diese Revolte im Fernen Osten, über die Geschichte generell in diesen Regionen der Welt, weiß. Ein einigermaßen beschämendes Zeugnis der eurozentrischen Geschichtsschreibung, die immer noch vorherrscht und die in einer derart globalisierten Welt wie der unsrigen, gerade auch mit dem rasanten Erstarken Chinas auf dem Weltmarkt, eigentlich nicht mehr vertretbar ist.

Der Philosoph, Sinologe und Autor Stephan Thome hat die Taiping-Revolution zum Stoff seines neuen, umfangreichen Romans gemacht und ist damit auf der Shortlist zum diesjährigen Deutschen Literaturpreis gelandet. Für Thome ist es bereits die dritte Shortlist-Nominierung.

TaiPingRevolutionSeal via Wikimedia Commons

Wie alle guten historischen Romane erzählt „Der Gott der Barbaren“ aber nicht nur von längst vergangenen Zeiten, sondern unweigerlich blitzt immer wieder der Bezug zur Gegenwart auf, ohne dass dies konkret thematisiert wird. Das Unverständnis, mit dem der Westen so manches Mal China gegenübersteht, die Missverständnisse, die daraus erwachsen, das Streben der Chinesen auf den Weltmarkt, ihre Haltung der eigenen Regierung und dem Westen gegenüber haben ihre Wurzel, nicht nur, aber auch, in den Ereignissen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Und so wird Stephan Thomes Buch nicht nur zu einem bunten, spannenden Abenteuer- und Geschichtsroman, sondern auch zu einem Versuch in Ideengeschichte.

Getragen wird die Erzählung von drei Protagonisten, denen der Autor unterschiedliche, sich unregelmäßig abwechselnde Abschnitte widmet, die er durch gelegentliche Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Gesprächsprotokolle oder andere, zum Teil erfundene Dokumente ergänzt. Dem fiktiven jungen Missionar Philipp Johann Neukamp fällt dabei als einzigem die Ich-Perspektive zu. Er als Deutscher, der als Sozialreformer nach der gescheiterten 1848-Revolution mehr oder weniger in den Missionsdienst nach China flieht und dem Land nach stümperhaftem Vorbereitungsdienst zu Beginn auch völlig fremd gegenüber steht, bietet uns Lesern am meisten Identifikationspotential.

„Über China lernte ich in den kommenden Monaten nichts, selbst die Sprache fehlte im Curriculum, das aus Bibelkunde, Predigtlehre und Geschichte des Christentums bestand.“

Und so ist der junge Mann nach anstrengender Überfahrt auf sich allein gestellt, zunächst in der britischen Enklave Viktoria auf Honkong Island, später dann bei der Baseler Missionsgesellschaft in dem kleinen ärmlichen Dorf Tongfu auf dem Festland. Hier kommt er auch mit den Ideen der Taiping-Rebellen in Kontakt.

Hong_Xiuquan via Wikimedia commons

In den südlichen Provinzen Guangxi und Guangdong, die durch Piratenüberfälle, die schon damals agierenden mafiösen Triaden, unfähige Bürokratie und etliche Naturkatastrophen besonders belastet waren, fielen die rebellischen Gedanken eines  Hong Xiuquan bei der verarmten Bevölkerung auf besonders fruchtbaren Boden. Dieser war wie viele von ihnen Angehöriger der Volksgruppe der Hakka und versuchte vergeblich, Beamter der Mandschu-Regierung, die China regierte (Qing-Dynastie), zu werden. Die äußerst schwierigen Prüfungen ließen ihn mehrmals scheitern, was ihn in eine schwere (wohl psychische) Krankheit trieb. In den Halluzinationen, die er dabei hatte, erschien ihm der christliche Gott, den er kurz zuvor durch einen Missionar und seine Traktate kennenlernte, und ernannte ihn zu seinem Sohn. Folglich nannte er sich nach seiner Genesung „zweiter Sohn Gottes“ und verband in seiner Sekte, die er bald danach um sich scharte,  christliches Bekenntnis ganz eigener Prägung mit sozialreformerischen Ideen, selbst eine Art Gleichberechtigung der Frau stand auf dem Programm. Viele der uns völlig abstrus erscheinenden Bibelauslegungen beruhten dabei wohl auch auf der schwierigen Übertragung des Textes in chinesische Schriftzeichen. Die Bewegung hatte gerade unter der armen ländlichen Bevölkerung einen enormen Zulauf, militarisierte sich rasch und kämpfte überraschend erfolgreich und mit unglaublicher Brutalität gegen die chinesische Zentralmacht. 1853 gelang es der mittlerweile auf über 500.000 Mann angewachsenen Armee, die bedeutende einstige Hauptstadt Nangking zu erobern. Sie wurde zur „Himmlischen Hauptstadt“ des „himmlischen Königs“ Hong Xiuquan. Anfangs wurden die Rebellen von England und Frankreich, die infolge der Opiumkriege in China engagiert waren, auch wegen ihres christlichen Glaubens, besonders durch Waffenlieferungen unterstützt. Später solidarisierten sich die westlichen Mächte, im eigenen Interesse, mit der Qing-Regierung.

Lord James Bruce Elgin via Wikimedia Commons

Die westliche, britische Perspektive wird vom zweiten Hauptprotagonisten Thomes, JamesBruce, dem 8. Lord Elgin, eingenommen. Er ist Sonderkommissar Englands in China und eher unfreiwillig im diplomatischen Dienst. Nachdem sein Vater Thomas Bruce, der 7. Lord Elgin, bekannt geworden als „Kunsträuber“ der Akropolis in Athen, das nicht unbeträchtliche Familienerbe durchgebracht hatte, blieb ihm kaum etwas anderes übrig als in dessen diplomatische Fußstapfen zu treten. Dabei war er eher ein Feingeist, ein in Selbstreflexion und gelegentlich Selbstzweifel versunkener Mensch.

„Gekommen, um Handel zu treiben, fand man sich plötzlich in der Rolle der Eroberer wieder, und je länger er darüber nachdachte, desto besser verstand er, was er den Chinesen am meisten verübelte: dass ihre Starrköpfigkeit ihm nicht erlaubte, nachsichtig zu sein und damit nicht nur ihnen, sondern auch seinen Landsleuten eine Lektion zu erteilen.“

Zugleich verkörpert Elgin die unglaubliche Arroganz, mit der die westlichen Nationen, gerade auch die Briten, gegenüber anderen Zivilisationen auftraten und ihre Interessen, vornehmlich die Handelsinteressen, über alles andere stellten. So wurde zur Rettung des Staatshaushalts der chinesische Markt mit Opium aus Indien überschwemmt, große Teile der Bevölkerung abhängig gemacht, die chinesische Wirtschaft in Schieflage gebracht und deren Regeln und Verbote einfach übergangen. Die Opiumkriege wurden geführt auch unter dem Motto

„Wir werden China öffnen, ob die Chinesen es wollen oder nicht.“

Solch rücksichtsloses Vorgehen mussten sich die Christenmenschen dann rechtfertigen, gerne indem die, tatsächlich vorhandene, Brutalität des Gegners beschworen, ihnen gar jede Menschlichkeit abgesprochen wurde, man sie gar zu „Nicht-Wesen“ oder „Halbwilden“ degradierte. Man kennt dieses Muster.

„Abend für Abend redeten sich die Gäste in Rage, Gentlemen mit Orden an der Brust bekundeten ihre Bereitschaft, den Aufständischen eigenhändig die Genitalien abzuschneiden, und aus dem Mund eines Geistlichen hörte er, es wäre eine Verhöhnung der Bergpredigt, solchen Bestien gegenüber Gnade walten zu lassen.“

Dabei galten auch die Europäer (die Franzosen waren später mit eigenen Interessen mit an Bord) selbst den Chinesen, ebenso wie die „Langhaarigen“ Rebellen, als Barbaren. Da ist der Titel des Romans durchaus doppelsinnig. Aufgeführt haben sich tatsächlich alle Seiten als solche.

Portrait of Zeng Guofan From The Portraits of Generals and Officials of the Qing Dynasty  via Wikimedia commons

Die andere Seite, die der chinesischen Dynastie, wird im Roman durch Zeng Guofan vertreten. Auch er, wie Lord Elgin, eine historische Figur und eigentlich ein Feingeist, der nicht nur ein 156 Bände umfassendes literarisches Werk hinterließ, sondern selbst in der Schlacht von seinen Offizieren das Verfassen von Aufsätze zu Gedichtzeilen forderte. Was ihn aber nicht von unglaublich brutalem Vorgehen gegenüber seinen Gegnern und Massakern an der Bevölkerung während der Kriegszeiten abhielt. Mit den entsprechenden philosophischen Skrupeln versteht sich. Ein Pluspunkt von Stephan Thomes Roman ist generell die überaus ambivalente Personenschilderung. Zwar finden Schlachten statt, es wird gekämpft und gelitten, abenteuerliche Reisen werden unternommen, aber noch viel ausführlicher wird geschildert, was in den Köpfen der Figuren, die allesamt irgendwie zerrissen sind, vor sich geht.

Mit Lord Elgin und Zeng Guofan treffen zudem zwei völlig unterschiedliche Denk- und Handlungsweisen aufeinander – Westen und Osten. Arroganz und Überheblichkeit des Westens und der Beharrungswille des Ostens, der dem Zerplatzen von jahrtausendalten Selbstverständlichkeiten, dem Ende des Supremats der chinesischen Zivilisation und damit einer Epochenwende gegenübersteht. Die krasse militärische Unterlegenheit der chinesischen Zentralregierung, ihre unfähige Verwaltung, Korruption und Nepotismus führten überraschend schnell zum Untergang eines als ewig verstandenen Reichs. Die jahrtausendealte Abschottung nach außen wurde durch die massiven Handelsinteressen des Westens aufgebrochen. Der Verlauf der Taiping Revolution war nur der Beginn einer Anzahl von Demütigungen des einst machtvollen Reichs. Eine Verfasstheit, die viel zum Verständnis der weiteren Entwicklung Chinas beitragen kann.

A scene of the Taiping Rebellion, 1850-1864  By Wu Youru (http://www.battle-of-qurman.com.cn/e/hist.htm) [Public domain], via Wikimedia Commons
Stephan Thome entfaltet diese nicht gerade übersichtliche Geschichtsentwicklung und Ideengeschichte überraschend klar und nachvollziehbar, indem er vornehmlich drei Protagonisten in den Mittelpunkt stellt. Dass dabei etliche Perspektiven weitgehend unberücksichtigt bleiben, liegt auf der Hand und kann auch nur wenig durch die Einbeziehung von „Gedanken eines Unbekannten“ oder den Tagebuchaufzeichnungen eines einfachen chinesischen Mädchens aufgefangen werden. Das wiegt aber nicht weiter schwer, da dadurch, wie gesagt, die Entwicklung deutlicher, die riesige Stofffülle überschaubarer wird. Auch so ist der Roman ungemein facettenreich und spannend. Er erzählt ein Kapitel aus der Geschichte, das zumindest mir bisher völlig unbekannt war. Und schlägt Verbindungen in unsere Gegenwart, ohne dabei in irgendeiner Form belehrend zu wirken.

Beanstandet wurde, dass die Gedanken der Protagonisten, besonders auch der fernöstlichen, durch die heutige Sicht-, Denk- und Sprechweise gefiltert werden, praktisch nicht mehr authentisch sind. Das als Manko anzuerkennen würde aber nahezu jeden historischen Roman diskreditieren, nur noch historische Monographien und Quellen zulassen. Stephan Thome ist die Perspektive seiner Figuren meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Zudem lässt er den Bezug zur Gegenwart zu und bietet großartigen Stoff zum Vertiefen und Überdenken.

Am Schluss steht eine Meldung aus der China Post vom 19. Dezember 2012. Darin wird über das harte Vorgehen der Volksrepublik China gegen Mitglieder der religiösen Sekte „Allmächtiger Gott“ berichtet, das zu über 400 Verhaftungen führte. Eine Meldung, die man nach der Lektüre von „Der Gott der Barbaren“ vielleicht auch mit anderen Augen betrachtet.

Weitere Rezensionen auf Letteratura, Frau Lehmann liest, Exlibris-jmalula, Buch-Haltung und Poesierausch

Beitragsbild: Regaining the Provincial Capital of Ruizhou – A scene of the Taiping Rebellion, 1850-1864, By Wu Youru (http://www.battle-of-qurman.com.cn/e/hist.htm) [Public domain], via Wikimedia Commons

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Stephan Thome - Gott der Barbaren.

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Stephan Thome – Gott der Barbaren

Suhrkamp September 2018, Gebunden, 719 Seiten, 25,00 € 

Jennifer Egan – Manhattan Beach

Kaum eine Besprechung von Jennifer Egans lang ersehnten, neuen Roman „Manhattan Beach“ kommt ohne den Vergleich mit ihrem 2011 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichneten „Der größere Teil der Welt“ aus. Dieser hatte eine tolle Geschichte, war formal sehr experimentell gestaltet und dennoch ungemein lesbar und unterhaltend – ein Geniestreich, der sogleich zu einem der bedeutendsten Romane des beginnenden 21. Jahrhunderts ernannt wurde.

Nachfolgende Werke werden wohl immer an diesem Buch gemessen werden. Dennoch gelang es Jennifer Egan 2013 mit „Black Box“ erneut zu überraschen und auch zu überzeugen. Dies war ein „Twitter-Roman“, bestehend aus Abschnitten mit maximal 140 Zeichen, der einen spannenden Thriller-Plot lieferte. Innovativ und trotzdem gut konsumierbar.

Mit „Manhattan Beach“ hat Egan nun einen anderen Weg eingeschlagen. Der mit über 500 Seiten in großer epischer Breite erzählte Roman kommt völlig konventionell daher. Und auch wenn nicht nur ich ziemlich enttäuscht davon bin, hat die Autorin diesen Weg gezielt eingeschlagen und verfolgt und ist sicher kein Zeichen von nachlassender Schaffenskraft oder Kunstfertigkeit.

Die Geschichte begleitet Jennifer Egan schon seit sehr langer Zeit, wie sie im Gespräch mit Hans-Jürgen Balmes im Literaturhaus Frankfurt berichtet. Seit mehr als zehn Jahren trägt sie das Brooklyn Navy Yard und Manhattan Beach auf Coney Island als Schauplätze mit sich herum, ist beeindruckt von der oft vergessenen Nähe New Yorks zum Atlantischen Ozean. Dazu kam die Absicht, über New York im Zweiten Weltkrieg zu schreiben und dies vielleicht auch zu den Ereignissen von 9/11 in Beziehung zu setzen. Eine Stadt im Krieg.

Erst als zweites, erzählt Egan, kamen ihr dann die Protagonisten in den Sinn. Da ist zunächst Anna Kerrigan, die wir zu Beginn im Jahr 1934 als Zehnjährige kennenlernen. In der Eröffnungsszene begegnen wir auch den beiden anderen Hauptpersonen, ihrem Vater Eddie, den die Weltwirtschaftskrise ruiniert hat und der nun bei Dexter Styles, einem durch die Prohibition zu viel Geld gekommenen Unterweltboss, Besitzer von Clubs und viel Einfluss, anheuern will.

New York Navy Yard, March 1944 by  By U.S. Naval Historical Center Photograph. [Public domain], via Wikimedia Commons
Nach diesem Prolog springt die Geschichte in die Zeit nach Pearl Harbor und dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Eddie Kerrigan ist seit mehreren Jahren spurlos verschwunden. Anna und ihre Mutter müssen für sich selbst und die schwerbehinderte Schwester Lydia aufkommen. Da immer mehr Männer in den Krieg ziehen, bietet sich für junge Frauen wie Anna die Möglichkeit, in ihnen bisher verschlossene Berufszweige einzusteigen. Sie bekommt Arbeit im Brooklyn Navy Yard, der Schiffswerft im New Yorker Hafen, die für die US Navy Schiffe baute und 1943 fast 69.000 Menschen beschäftigte, darunter viele Frauen, auch in untypischen Berufen wie Schweißerin oder Mechanikerin. Man kann sich vorstellen, wie schwer diese Frauen es sicher gegen die männlichen Kollegen hatten, die ihre angestammten Bastionen nicht gerne räumten. Nach dem Krieg, in den „heimeligen“ Fünfziger Jahren, mussten die Frauen diese Jobs auch fast komplett wieder räumen und sich wieder ins Heim oder Frauenberufe wie Sekretärin zurückziehen. Die Zeit des Krieges also als eine Zeit der Emanzipation ist ein Aspekt um den es Jennifer Egan geht.

Anna nimmt nach einer Zeit als Arbeiterin an einer Ausbildung zur Marinetaucherin teil. Eine solche gab es wohl in der Realität zu dieser Zeit noch nicht. Jennifer Egan sprach für ihre Recherchen allerdings mit Andrea Motley Crabtree, der ersten US-Army Tiefseetaucherin, die aber erst ab 1982 im Dienst war. Bei ihren intensiven Nachforschungen sprach sie zudem mit vielen Zeitzeugen und hatte auch die Gelegenheit, einen zeitgenössischen Tauchanzug anzuprobieren, 100 Kilo schwer. Anna beißt sich durch die körperlichen Strapazen genauso durch wie durch die Anfeindungen, die sie erfährt. Mit ihr haben wir eine Protagonistin, wie sie beim großen Lesepublikum gut ankommt: eigensinnig, aufopferungsvoll ihrer Familie gegenüber, besonders gegenüber ihrer behinderten Schwester, voller Träume und Pläne, zielstrebig, leidenschaftlich. Ihre Emanzipationsgeschichte bildet den einen Hauptstrang der Geschichte.

Tritonia_Lusitania_1935 by  OAR/National Undersea Research Program (NURP) CC0 via wikimedia Commons

Der zweite dreht sich um ihren verschwundenen Vater. Niemand hat je nachgeforscht, was mit ihm geschehen ist. Angedeutet wird, dass er die Last der „verkrüppelten“ Tochter nicht länger ertragen konnte. So ganz überzeugt das nicht. Dass er in Gangsterkreise geraten und dort einen Fehler gemacht hat, wird mehrfach angedeutet. Seine Geschichte, die zum Schluss eine ungeheure Wendung nimmt, hat mich leider gar nicht überzeugt. Um nicht zu viel zu spoilern, möchte ich von dieser Wendung nicht erzählen, nur so viel, dass sie noch einmal einen völlig neuen Erzählstrang beifügt, der für mich ziemlich unpassend wirkt.

Für Jennifer Egan sind diese Vater-Leerstellen in ihren Büchern von besonderer Bedeutung. Sie selbst stammt aus einer sogenannten dysfunktionalen Familie irisch-amerikanischer Abstammung. Ganz dem Klischee entsprechend waren die Familienmitglieder wohl dem Alkohol sehr zugeneigt. Ein Bruder ihres Vaters verunglückte alkoholisiert mit dem Motorrad bei einer Spritztour während einer Familienfeier. Ein tragisches Ereignis, das ihren Vater noch mehr zum Alkohol trieb. Als Jennifer Egan zwei Jahre alt war, wurde die Ehe ihrer Eltern annulliert und sie lebte fortan weit fort vom Vater in Kalifornien. Mit sechzig Jahren kam er selbst bei einem Unfall ums Leben. Der fehlende Vater, der dennoch ein fernes Sehnsuchtsbild darstellt, ist von daher ein Motiv, das in Egans eigenem Leben verankert ist.

Als dritter Strang ist da dann noch die Gangstergeschichte um Dexter Styles, den die erwachsene Anna wiedertrifft. Die beiden ziehen sich magisch an, aber tun sich gegenseitig natürlich nicht gut. Aufstieg und Fall von Dexter Styles, dieser Blick in die Gangsterwelt, die durch Prohibition reich und mächtig gewordenen Mafiaclans, ist Kolportage pur. Wie die Geschichte überhaupt vollgestopft mit Klischees und Versatzstücken ist. Beim amerikanischen Publikum kam das sehr gut an. Hymnische Besprechungen in der amerikanischen Presse, Bestsellerauflagen, Rechte in 23 Länder verkauft.

„Manhattan Beach“ hat alles, was ein „großer“, episch erzählter amerikanischer Roman zu brauchen scheint. Einzelne Passagen darin beweisen, dass Jennifer Egan immer noch eine großartige Schriftstellerin ist. Besonders Annas Geschichte und die Schilderungen rund um Manhattans Seeseite, die Atmosphäre im Navy Yard der Kriegszeit sind durchaus gut gelungen, Egan kann eindeutig wunderbar schreiben. Lässt man mal alle Erwartungen, die man als Bewunderin der innovativen, experimentellen Autorin hat, beiseite und möchte lediglich einen Pageturner zum „Mitfühlen- und fiebern“, dann ist „Manhattan Beach“ vielleicht das richtige Buch.

Für alle anderen, die „Der größere Teil der Welt“, „Black Box“ oder „Look at me“ lieben, bleibt zu hoffen, dass sich Jennifer Egan beim nächsten Buch nicht so sehr auf ihren „Reading Club“ verlässt. Letzterer hat ihr zu der extrem konventionellen Erzählart geraten, die für Jennifer Egan eigentlich so untypisch ist. Wie sie erzählt, hätten andere Erzählansätze bei ihren Zuhörern mit diesem historischen Stoff nicht funktioniert.

So entstand eine geradeaus erzählte, zudem viel zu viel auf einmal anpackende und mit vielen bloßen Versatzstücken angehäufte Geschichte. Das interessante Setting und die spannenden Themen hätten viel mehr hergegeben.

Beitragsbild CC0 via Maxpixel

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Jennifer Egan - Manhattan Beach.

Jennifer Egan – Manhattan Beach

Übersetzt von: Henning Ahrens  

S. FISCHER August 2018, 496 Seiten, gebunden€ 22,00

Lektüre August 2018

Zwar ist der September schon fast herum, dennoch möchte ich noch meine August-Lektüre nachreichen. Die Frankfurter Buchmesse nähert sich in großen Schritten und mit ihr die große Flut an Herbstneuerscheinungen. Auch bei mir hat sich im August das „Leseaufkommen“ ziemlich gesteigert und damit auch die Zahl der zu verfassenden Rezensionen. Hinzu kam noch die Longlist für den Deutschen Buchpreis, die auch durchgeforstet werden wollte.

Insgesamt ein wirklich guter Lesemonat, wenn auch das wirkliche Highlight fehlte.

Am ehesten kommt dem aber noch der wirklich überraschende, spannende und gut erzählte Debütroman einer jungen nigerianischen Schriftstellerin nahe.

Ayòbámi Adébáyò - Bleib bei mir

Mit „Bleib bei mir“ hat Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ gleich einen großen Wurf hingelegt. Bestseller und nominiert für den Baileys Women’s Prize for Fiction, erzählt er eine Geschichte voller überraschender Wendungen. Yejide und Akin, ein modernes nigerianisches Paar, leidet unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Ein ganz persönlicher Schmerz, aber in der den Traditionen verhafteten nigerianischen Familie auch ein großer gesellschaftlicher Makel. Akin wird dazu gedrängt, eine Zweitfrau zu nehmen, was Yejide in eine tiefe Krise stürzt. Die sich anschließenden Wendungen seien hier nicht verraten, sie sind überraschend und voller Tragik. Politische Entwicklungen und viel nigerianischer Alltag werden damit zu einer spannenden, berührenden, aber niemals pathetischen Geschichte verwoben.

 

Natascha Wodin - Irgendwo in diesem Dunkel

Letztes Jahr erschien Natascha Wodins Buch über ihre früh aus dem Leben geschiedene Mutter „Sie kam aus Mariupol“. Nun folgt „Irgendwo in diesem Dunkel“, in dem sie erneut das Verhältnis zu ihrem Vater beleuchtet. Erneut, da ihre unglückliche Kindheit und Jugend mit diesem verbitterten, gewaltvollen Mann bereits vor beinahe 30 Jahren Thema ihres Buchs „Einmal lebt ich“ war. Ein Buch, von dem sich Wodin heute distanziert, das aber in die Zeit der „Vaterbücher“ passte, in denen sich die Nachgeborenen an der Kriegsgeneration abarbeiteten. Als typischer Vertreter dieser, wenn auch nicht als Täter, sondern als aus der Ukraine nach Deutschland verschleppter Zwangsarbeiter, war der Vater ein „Schweiger“. Weder über seine Vergangenheit, noch über die Mutter oder ihr gemeinsames Schicksal während des Krieges wurde gesprochen. Hat die Spurensuche einiges zum Leben ihrer Mutter zutage gefördert, so bleibt das Leben ihres Vaters „irgendwo in diesem Dunkel“ und dunkel und voller Gewalterfahrungen war dieses Leben wohl auch. Natascha Wodin leugnet ihren Hass auf den Vater nicht, und doch versucht sie, ein Stück weit zu verstehen, berührt sie auch die unendliche Einsamkeit dieses Mannes, der bis zu seinem Tod in Deutschland lebte, ohne je die Sprache lernen zu wollen. Keine Recherche wie im vorherigen Buch, mehr Gewicht auf ihre eigene Kindheit. Mich hat das Buch wieder absolut berührt, gerade durch seinen nüchternen, pathosfreien Ton.

 

Davit Gabunia - Farben der Nacht

Georgien ist dieses Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse und zu diesem Anlass erscheinen vermehrt Titel aus diesem trotz reicher literarischer Tradition für deutsche Leser doch recht unbekannten Land. „Farben der Nacht“ ist der Debütroman des jungen Dramatikers und Übersetzers Davit Gabunia.  Darin beobachtet der arbeitslose Surab vom Fenster seiner Wohnung einen Mord in der Nachbarwohnung. Der Täter ist ein bedeutender Mann, was Surab zu einem riskanten Einfall führt. Hintergrund ist der Spätsommer 2012, in dem Unruhen und Demonstrationen das Land erschüttern. Spannend!

Sylvie Schenk - Eine gewöhnliche Familie

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Sylvie Schenk erzählt in „Eine gewöhnliche Familie“ ein weiteres Mal fiktionalisiert von ihrer eigenen Verwandschaft, deren Beziehungsgeflecht sie psychologisch genau beleuchtet. Nach „Schnell, dein Leben“ aus dem Jahr 2016 ein weiteres lesenswertes Buch von der 1944 geborenen Autorin.

 

 

 

Andrew O´Hagan - Leuchten über Blackpool

Mit „Leuchten über Blackpool“ stand der Schotte Andrew O´Hagan auf der Longlist zum Man Booker Prize.

Eine alte Dame in einem Altenheim an der schottischen Küste gleitet zunehmend in die Demenz während ihr Enkel verzweifelt versucht, die schrecklichen Erinnerungen an einen tragischen Militäreinsatz in Afghanistan zu vergessen. Gemeinsam machen sie sich auf nach Blackpool, wo die Großmutter glückliche Zeiten mit dem Großvater, den niemand aus der Familie kennenlernen durfte, da er verheiratet war, verbrachte. Erinnern und Vergessen sind die Motive in diesem feinfühligem Familienporträt. Für mich eine schöne Entdeckung!

 

Rachel Cusk - Kudos

Rachel Cusk ist eine absolut innovative Stimme aus Großbritannien. Mit ihrer Trilogie um die Schriftstellerin Faye, ein kaum verhülltes AlterEgo, schafft sie ein ungewöhnliches Erzählkonzept. Wie in den zwei vorangegangenen Büchern ist Faye auch in „Kudos“ in erster Linie Zuhörerin von Menschen, die sie auf zwei Literaturfestivals trifft. Sie gibt die Monologe, selten auch Dialoge, wieder und verschwindet dahinter fast ganz. Aber eben nur fast. Es geht um den Brexit, um den Literaturbetrieb, um gescheiterte Beziehungen, Kinder und immer wieder um das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau. Ein alles andere als ausgeglichenes Verhältnis. Scharfsinnig, witzig, ein bisschen boshaft. Auch wenn vielleicht nicht unbedingt leicht konsumierbar: für mich wieder ein ungeheures Vergnügen.

 

Es ist großartig, dass, vielleicht auch als Folge der Black lives matter Bewegung und der unseligen Entwicklungen in den USA fort von einem aufgeklärten, toleranten und antirassistischen Staat, das Werk James Baldwins, eines der interessantesten afroamerikanischen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, eine Renaissance erlebt. Baldwin hat sich nicht nur zum Thema Rassismus geäußert, sondern auch immer seine Position ald Homosexueller beleuchtet. „I’m not your negro“ ist der Dokumentarfilm von Raoul Peck betitelt, der im vergangenen Jahr sehr erschien. Nun ist auch ein Roman verfilmt (Kinostart im Februar 2019): „If Beale Street could talk“. Dem DTV Verlag ist zu verdanken, dass Baldwins Werk nun auch in Deutschland wiederaufgelegt wird. Nach „Von dieser Welt“ im vergangenen Jahr nun eben dieser „Beal Street Blues“. Eine Liebesgeschichte aus dem Jahr 1974, die, überschattet von Rassismus, Gefängnis schwarzem Selbsthass und der weißen Justiz, voller Tragik, Verzweiflung, Aussichtslosigkeit, aber auch Solidarität, Hoffnung und eben Liebe ist. Unbedingt lesen!

 

Mark Thompson - El Greco und ich

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Eine Jungenfreundschaft in den USA der 1960er Jahre, ein heißer Sommer voller Pläne und Sehnsüchte, aber auch voller Tragik. Ein Road-Trip nach Süden, nach Charleston, das verfrühte Ende einer Kindheit. Ein warmherziger Roman, dessen Erzählperspektive nicht immer ganz überzeugt, den ich aber dennoch sehr gerne gelesen habe: „ElGreco und ich“ von Mark Thompson.

 

 

Zülfü Livanelli - Unruhe

Ein Mann aus Südostanatolien wird in den USA Opfer einer rassistisch motivierten Gewalttat. Sein alter Schulkamerad, Journalist in Istanbul, erfährt davon und reist zur Beerdigung in die gemeinsame Heimatstadt. Dort erfährt er von verschiedenen Seiten mehr über das Leben seines alten Freundes, seine Liebe zu einer jungen jesidischen Mutter, deren grausames Schicksal während des syrischen Bürgerkriegs, ihrer mühsamen Flucht in die Türkei und die Anfeindungen, die diese Beziehung dort erfuhr. Eine kurze Parabel über die Zerrissenheit zwischen Ost und West und das Leid, das der Mensch dem Menschen antun kann. „Unruhe“ von Zülfü Livaneli

Neun Romane, die ich alle gerne gelesen habe. Im September geht es weiter mit der Lektüre von Neuerscheinungen und den Longlist-Nominierten, die ich für mich persönlich ausgewählt habe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mark Thompson – El Greco und ich

„Wenn man sich eines im Leben klarmachen muss, dann wohl die Tatsache, dass wir alle auf die Probe gestellt werden. Irgendwann. Vielleicht früher oder vielleicht später. Oder vielleicht dazwischen. Wer weiß schon, wann oder wo?“

JJ, der Ich-Erzähler und sein bester Freund Toni Papadakis sind zehn, als sie aus Unachtsamkeit mit ihren heimlich gerauchten Zigaretten ein ganzes Sportfeld in Brand setzen. Aber der sehr kluge Toni, El Greco genannt, weiß, dass das noch nicht die Probe sein kann. Das da noch härteres im Leben folgen wird. „Mark Thompson – El Greco und ich“ weiterlesen

Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie

Beerdigungen sind ein immer wieder gewählter Ausgangspunkt für Erzählungen. Durch den Tod eines mehr oder weniger nahestehenden, eines mehr oder weniger geliebten Menschen werden Reisen in die eigene Vergangenheit angetreten, räumlich und emotional. Protagonisten kehren an die Orte der Kindheit und Jugend zurück, treffen alte Freunde, Bekannte, Verwandte und nicht selten kommen lange verdrängte Erinnerungen ins Bewusstsein, brechen alte Verletzungen oder Konflikte auf oder entstehen neue. Wenn es beispielsweise um Erbschaften geht. „Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie“ weiterlesen