Alexander Münninghoff – Der Stammhalter

Alexander Münninghoff ist ein niederländischer Journalist, der auch verschiedene Bücher veröffentlicht hat, unter anderem über Schach, in dem er eine ziemliche Koryphäe ist. Außerdem war er als Kriegsreporter unterwegs.

2014 erschien in den Niederlanden ein autobiographisches Buch, das sehr viel Beachtung und einige Preise erlangte und nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es ist im Original „Een Familiekroniek“, im Deutschen wurde daraus der „Roman einer Familie“. Dabei trifft die Bezeichnung Chronik den nüchternen, berichtenden Ton, der sehr eng nicht nur auf Erinnerungen, sondern vor allem auch auf Zeitzeugnisse zurückgreift, recht gut. „Alexander Münninghoff – Der Stammhalter“ weiterlesen

Meg Wolitzer – Das weibliche Prinzip

„#Metoo“, „Womans March“, „Power to the polls“, „Get her elected“ – es scheint als erlebe der Feminismus nach einer Zeit, in der sich erstaunlicherweise gerade viele junge Frauen demonstrativ davon distanzierten, meinten, seine Ziele seien doch weitgehend erreicht, wieder neuen Schwung. Gerade in Amerika, wo mittlerweile ein expliziter Frauenverächter an der Macht sitzt, regt sich Gegenwehr. Hier spürt man vielleicht besonders deutlich, dass sich in den Denk- und Verhaltensmustern der Geschlechter doch gar nicht so grundlegend etwas verändert hat wie man gemeinhin glaubte.

Zeit also auch für feministische Romane.

Nun kann man davon ausgehen, dass die amerikanische Autorin Meg Wolitzer schon vor 2017 mit ihrem Roman „The female persuasion“, auf Deutsch unlängst unter dem Titel „Das weibliche Prinzip“ erschienen, begonnen hatte. Wolitzer ist schon immer an feministischen Themen interessiert gewesen. Ihr Essay „The second shelf“ von 2012, das die Zweitrangigkeit in der Rezeption der literarischen Werken von Autorinnen auf dem Buchmarkt beklagt, erhielt große Aufmerksamkeit. Vor den aktuellen Debatten konnte viel häufiger passieren, was die Protagonistin befürchtet.

„Sie musste aufpassen, denn wenn sie zu lange über Frauenfeindlichkeit redete, würden die Köpfe auf die Brust sinken und das ganze Publikum würde anfangen zu schnarchen.“

„Das weibliche Prinzip“ ist also nicht unbedingt ein Buch zur aktuellen Debatte, aber eines, das perfekt in die Zeit passt. Oder passen würde. Wenn es nämlich tatsächlich ein Buch über/zum Feminismus wäre. Und nicht nur ein Buch, das eine Protagonistin hat, die an eine bekannte Feministin angelehnt ist, und eine, die für diese arbeitet. Also eigentlich ziemlich beliebig ist.

MeToo by Prentsa Aldundia  (CC BY-SA 2.0)via Flickr

Meg Wolitzer wollte mit „Das weibliche Prinzip“ einen „feministischen Generationenroman“ schreiben. Und mit etwas Wohlwollen ist ihr das durchaus gelungen. Denn um verschiedene Frauengenerationen geht es, um die Pionierinnen, die heute in den Siebzigern sind, um die mittlere Generation und um die ganz Jungen, die Zwanzigjährigen. Wir kennen diese Generationsfolgen mit ihren Konflikten meist in Form von Familienromanen, in denen die Frauen aufeinanderfolgen, voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen, sich auch gerne mal das Leben schwer machen. Großmutter-Mutter-Tochter-Konflikte, man kennt das. Um was es in solchen Romanen selten geht, soll hier bei Meg Wolitzer mit im Zentrum stehen, nämlich Macht und Einfluss(nahme). Ein eher männlich besetztes Themengebiet, seit dem Ödipus-Mythos unzählige Male literarisch bearbeitet. Aber Macht und Einfluss bei Frauen? Konkurrenz und Verdrängung jenseits des stereotypen Zickenkriegs? Allianzen und Netzwerke? Gibt es, aber doch deutlich seltener.

Im „weiblichen Prinzip“ ist es die junge Studentin Greer Kadetsky, die für die von ihr sehr verehrte Feministin und Publizistin Faith Frank arbeitet. Die beiden lernen sich 2006 an Greers College kennen. Wenn der Roman 2019 endet, wird bereits eine neue Generation junger Frauen auf den Plan treten, die feministische Ikonen, wie Faith Frank eine für Greer und ihre Freundin Zee noch war, ablehnen und dem Feminismus generell kritischer gegenüberstehen.

Diese Entwicklung ist nun tatsächlich nichts Neues. Überhaupt sagt uns das Buch leider nichts Neues, kein einziger origineller Gedanke, keine Überraschung, keine neuen Denkansätze. Dafür eine routiniert geschriebene Geschichte, professionell erzählt, aber auch ziemlich blutleer und konventionell. Und so oder ähnlich schon tausendmal gelesen.

Finger Hands Feminism CC0 via Max Pixel

Greer stammt aus einer recht lieblosen Familie. Die Eltern, Späthippies in den Achtzigerjahren, die genug mit sich selbst zu tun hatten, kümmerten sich nie wirklich um Greer, gaben ihr keinerlei Nestwärme. Cory, der Nachbarsjunge, der sehr bald zu Greers bestem Freund, später Liebhaber und nach einer längeren Auszeit – ich wage es, zu spoilern, ist diese Entwicklung doch leider sowieso viel zu vorhersehbar – Ehemann wird, hat rührend bemühte Eltern, die sich für ihre Kinder nahezu zerreißen (ihre lateinamerikanischen Wurzeln sind sicher nicht zufällig von Wolitzer gewählt). Man sieht schon an dieser kleinen Konstellation, woran das Buch meiner Meinung nach krankt – es ist einfach überkonstruiert. Jeder der Figuren kommt eine explizite Rolle zu, aus der sie niemals ausbricht. Überraschende Entwicklungen kommen nicht vor. Dabei ist Meg Wolitzer aber eine zu versierte Erzählerin, um die Charaktere eindimensional anzulegen. Sie haben durchaus ihre Widersprüche, aber alle im vorhersehbaren Rahmen.

So verschusselt Greers Vater die Anmeldung seiner Tochter im renommierten Yale und sie muss sich mit dem mittelmäßigen Ryland College begnügen. Corys Eltern ermöglichen ihrem Sohn natürlich ein Studium in Princeton. Die Schilderung der verschiedenen Studienalltage und ihres weiteren Werdegangs (Greer und Cory erhalten jeweils eigene personale Erzählstimmen), der Träume, Hoffnungen, Lebensentwürfe und Enttäuschungen der beiden jungen Leute nimmt einen Großteil des Buches ein. Wir kennen das von Wolitzers sehr erfolgreichem, und meines Erachtens deutlich gelungenerem Roman um eine Freundesclique, „Die Interessanten“.

Der einzige überraschende Moment im Buch, die einzige Entwicklung, die mich wirklich hätte fesseln können, geschieht kurz vor der Romanmitte und ich fand es wirklich enttäuschend, dass Wolitzer sie wiederum nur als Moment für ihre weitere Erzählkonstruktion verwendet hat. (Achtung Spoiler!)

#womensmarch2018 Philly Philadelphia #MeToo by  Rob Kall (CC BY 2.0) via Flickr

Es geschieht nämlich ein denkbar schreckliches Unglück. Corys Mutter überrollt den kleinen Bruder beim Zurücksetzen in der Garageneinfahrt beim Spielen. Der Kleine stirbt, der Vater verlässt die Familie, weil er der Mutter nicht verzeihen kann, diese wird schwer krank. Eine Situation, die unvorstellbar ist, und von daher wert, sie zu erzählen. Wolitzer beschränkt sich aber darauf, sie als Anlass dafür zu nehmen, dass Cory seinen aussichtsreichen Job als Trader in Manila hinwirft, um seine Mutter zu pflegen. Auch hier ist mir die Konstruktion zu laut. Cory fungiert hier als der „weiblichste“ aller Protagonisten, ist doch sein Weg, die Karriere ruhen zu lassen, um Angehörige zu pflegen üblicherweise Frauensache. Natürlich versackt Cory in seinem „Nichtstun“ (hier fällt Wolitzer in die auch von Frauen selbst gern genutzte Falle, Pflege- und Familienarbeit als Selbstaufgabe, ja tatsächlich „Versacken“ darzustellen, ein eigentlich zutiefst antifeministischer Ansatz), natürlich kommt es zum Bruch mit der mittlerweile in einer von Faith Frank geleiteten feministischen Stiftung sehr erfolgreichen Greer. Diese ist auch vor einem Verrat an ihrer besten Freundin Zee nicht zurückgeschreckt, um sich diesen Platz an der Sonne zu verschaffen. Nun beschäftigt sie sich mit #sandwichhäppchenfeminismus und organisiert „Kitschkongresse“: zahlungskräftigen Damen werden bei ansprechendem Begleitprogramm nebst Maniküre und Wahrsagerin feministische Themen und Projekte für benachteiligte Frauen unterbreitet. Milliardenschwerer Sponsor ist ein alter Verehrer Faiths. Als es um ein Projekt in Ecuador zu Unregelmäßigkeiten kommt, die Faith deckt, wirft Greer ihr Verrat an der Sache vor und es kommt zum Bruch zwischen den beiden Frauen. Ein typischer Generationenkonflikt.

Greer wird ihre Zukunft als erfolgreiche Buchautorin finden, die anderen Aspekte des dick aufgetragenen Happy-Ends sind mir zu peinlich, um sie hier näher zu schildern. Kaum ein befürchtetes Klischee wird ausgelassen. Das macht das Buch so versöhnlich, freundlich, warmherzig und angenehm zu lesen. Und das ist genau der Grund, warum es dann wohl auf dem „second shelf“ landen wird, und das nicht einmal zu Unrecht.

Der Roman fließt dahin, ist durchaus komplex und durchdacht, aber ohne irgendeine neue Erkenntnis, ohne auch nur das kleinste bisschen weh zu tun (wenn es beim Tod von Corys Bruder einen Anlauf dazu nimmt, biegt die Autorin schnell ab). Da ist keinerlei Wut oder Furor oder Utopie oder Erschütterung. Im Endeffekt ist es viel harmloser als die Wirklichkeit. Und das ist einem wichtigen Thema wie dem Feminismus, der hier nur Staffage ist, nicht angemessen. Gerade nicht in einer Zeit, die Wolitzer nicht zu Unrecht „das große Grauen“ nennt. Da braucht es andere Bücher. Zumindest, wenn sie sich für die Sache des Feminismus einsetzen wollen und nicht doch nur nette, gut lesbare Unterhaltungslektüre sein. Vielleicht hat die Autorin das selbst geahnt.

„Ihr Buch, das sich redlich bemühte, das ermutigte und anspornte, war, wie Greer wusste, keineswegs originell oder brillant; es war definitiv eine unvollkommene Plattform. Und Greer war keine Leitwölfin. Das würde sie nie sein.“

Schade, dass das für Meg Wolitzer und „Das weibliche Prinzip“ auch zu gelten scheint.

 

Beitragsbild: Gerações by Tiago Vidal Dutra  (CC BY 2.0)via Flickr

 

Weitere Besprechungen findet ihr bei Literatur leuchtet, Lesen in vollen Zügen, Sarahspancake und The lost art of keeping secrets

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Meg Wolitzer - Das weibliche Prinzip.

Meg Wolitzer – DAS WEIBLICHE PRINZIP

Originaltitel: ›The Female Persuasion‹
Übersetzung: Henning Ahrens

Dumont Juli 2017, 544 Seiten, gebunden, €18,99 

 

 

Dominique Manotti – Kesseltreiben

Die 75 jährige Dominique Manotti ist die „Grande Dame“ unter den französischen KriminalautorInnen und neben Fred Vargas auch hierzulande die bekannteste. Seit 1995 veröffentlicht die promovierte Historikerin Marie-Noëlle Thibault unter ihrem Pseudonym politisch engagierte und sozialkritische Romane, die auch vielfach ausgezeichnet wurden. Mit französischem Flair und Charme à la „Bruno, Chef de police“ oder ähnlichem haben sie rein gar nichts gemeinsam. Manotti schreibt gnadenlos realistisch, ihr Thema sind die dunklen Seiten der Gesellschaft, das Machtgeflecht aus Politik, Geheimdiensten und den Eliten der französischen Industrie und Wirtschaft. Dominique Manotti steht den französischen Linken nahe, war Gewerkschafterin – und ist wütend. Wütend darüber, wie sich die Eliten immer wieder die eigenen Taschen füllen, Politiker zum eigenen Machterhalt jede unheilige Allianz eingehen, die Geheimdienste ihr eigenes Spiel spielen, und niemals zum Wohle des Volkes. Oft sind reale Geschehnisse, sei es aus der Welt der illegalen Migranten, der „Sans Papiers“, sei es aus der Welt der Hochfinanz oder einträglicher Wirtschaftszweige, wie zuletzt dem Erdölgeschäft, Inspiration für Manottis Texte. „Dominique Manotti – Kesseltreiben“ weiterlesen

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

2017 erhielt Éric Vuillard für sein schmales „L´ordre du jour“ den begehrten Prix Goncourt. Im Original trägt es die Gattungsbezeichnung „récit“, was nur etwas unzureichend mit „kurze Erzählung“ übersetzt werden kann, denn bei einer „Erzählung“ geht man in der Regel von einer fiktiven Geschichte aus. Aber: „On appelle récit tout texte racontant une histoire (un enchaînement d’événements) qu’elle soit fictive ou réelle.“ Also ein etwas weiter ausgelegter Begriff für „Erzählung“. Dennoch eher eine überraschende Entscheidung, werden doch für den „Goncourt“ meist episch breitere fiktionale Werke ausgewählt. Und hier nun das knapp über 100 Seiten starke doku-fiktionale Werk, das sich zudem noch mit deutscher Geschichte beschäftigt. „Éric Vuillard – Die Tagesordnung“ weiterlesen

Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 1 und 2

Er nennt sich Vernon Subutex – nach jenem starken Schmerzmittel, das auch zur Behandlung von Drogenentzugserscheinungen oder – missbräuchlich – als Ersatzdroge verwendet wird, und das in Frankreich, wo es deutlich leichter zu beziehen ist, jeder kennt.

Drogen spielen auch im Roman von Virginie Despentes um „Das Leben des Vernon Subutex“ eine große Rolle. Und kaum eine Besprechung des Romans kommt ohne eine ausgiebige Beschreibung des außergewöhnlichen Vorlebens seiner Autorin daher.

Mit 17 wurde Despentes als Tramperin brutal vergewaltigt, war Mitglied einer Punkband, arbeitete als Schallplattenverkäuferin und zeitweise als Prostituierte und war einst unterwegs in jener Subkultur, aus der auch zahlreiche ihrer Romanfiguren stammen. Bereits mit ihrem Debütroman „Baise-moi“, der 1993 erschien, war sie sehr erfolgreich, aber auch skandalumwittert: Die Gewalt- und Sexorgie, die als Rachefantasie an Männern und Gesellschaft gelesen werden kann, löste viele Diskussionen aus, ihre Verfilmung 2000 durch die Autorin selbst, durfte in Frankreich nur in expliziten Pornokinos gezeigt werden. „Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 1 und 2“ weiterlesen

Elena Ferrantes Neapolitanische Saga 3 und 4: Die Geschichte der getrennten Wege / Die Geschichte des verlorenen Kindes

Über Elena Ferrantes Neapolitanische Saga, insbesondere die Lektüre von Band 3 und 4 dieses fast 2200 Seiten umspannenden Werks, zu schreiben, ist gar nicht so einfach. Zum einen liegt die Erstveröffentlichung von „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ nun schon ein halbes Jahr zurück, in der mittlerweile so kurzlebigen Buchbranche fast schon eine Ewigkeit. Zum anderen erschienen zu diesem Zeitpunkt oder kurz danach eine derartige Flut an Rezensionen und Buchvorstellungen sowohl in den Feuilletons der Printmedien als auch auf digitaler Ebene, dass schon alles gesagt scheint. Der Aufruhr um die geheim gehaltene Identität der Autorin und das Detektivspiel darum taten ein Übriges, dass gefühlt kein Leser europa-, wenn nicht gar weltweit dieses Buch gelesen, bewusst nicht gelesen, davon gehört und/oder sich dazu eine Meinung gebildet hat.

Nun, ich habe mir dieses (vermeintliche) Lesevergnügen bewusst für meinen Sommerurlaub aufgespart. Genügend Zeit am Stück, um in das Monumentalwerk völlig eintauchen zu können (das versprachen Kritiken und eigene Leseerfahrungen besonders des zweiten Bandes, „Die Geschichte der getrennten Wege“). Und jetzt möchte ich auch darüber schreiben und meine ganz persönlichen Leseerfahrungen schildern. „Elena Ferrantes Neapolitanische Saga 3 und 4: Die Geschichte der getrennten Wege / Die Geschichte des verlorenen Kindes“ weiterlesen

Marion Poschmann – Die Kieferninseln

„Er hatte geträumt, dass seine Frau ihn betrog. Gilbert Sylvester erwachte und war außer sich.“

So wenig außergewöhnlich ein solcher Traum ist, so aberwitzig und skurril ist Gilberts Reaktion darauf. Er stellt seine Frau Mathilde nicht nur aufs Schärfste zur Rede, sondern verlässt, als diese hartnäckig leugnet, äußerst erbost die Wohnung und nimmt den ersten verfügbaren Interkontinentalflug, um möglichst viel Raum zwischen sich und seine vermeintlich untreue Gattin zu schaffen. Dass es außerhalb seines Traumes keinerlei Hinweise auf eine eventuelle Untreue gibt, stört ihn dabei überhaupt nicht. „Marion Poschmann – Die Kieferninseln“ weiterlesen

Gert Loschütz – Ein schönes Paar

Bereits 1990 veröffentlichte Gert Loschütz einen autobiografisch inspirierten Text über die Flucht seiner Familie aus dem brandenburgischen Plothow nach Mittelhessen im Jahr 1957. „Flucht“ war dieses Buch schlicht betitelt und kreiste in erster Linie um die Folgen, die diese für den damals elfjährigen Ich-Erzähler hatte.

Gert Loschütz ist ein eher zurückhaltender, zwar hoch angesehener, aber eher am Rande des deutschen Literaturbetriebs stehender Autor. Gedichte, Theaterstücke, Novellen, und dann dieser schmale Roman. Danach dauerte es bis 2005, dass mit „Dunkle Gesellschaft. Roman in zehn Regennächten“ wieder ein größeres Werk erschien, das sogleich auf der Shortlist des neu geschaffenen Deutschen Buchpreis landete. 2006 folgte sehr schnell sein Roman „Die Bedrohung“. Und nun, zwölf Jahre später, knüpft „Ein schönes Paar“ direkt an das 28 Jahre zuvor erschienene „Flucht“ an. „Gert Loschütz – Ein schönes Paar“ weiterlesen

Brit Bennett – Die Mütter

„Aubrey fragte sich, ob sie die Einzigen waren, die das Gefühl hatten, ihre Mütter nicht zu kennen. Vielleicht waren Mütter an sich unermesslich und unmöglich zu kennen.“

Mit „Die Mütter“ schrieb die junge amerikanische Autorin Brit Bennett gleich mit ihrem Debüt einen Roman, der es auf die New York Times Bestsellerliste schaffte. Die dunkelhäutige Kalifornierin ließ ihn in ihrer Heimatstadt Oceanside im San Diego County spielen. Und auch ihr Studienort Ann Arbour in Michigan ist Schauplatz der Geschichte. Sie begann bereits mit 17 Jahren, daran zu schreiben, neun Jahre später wurde er veröffentlicht. Und die Hauptprotagonistin ist ebenfalls 17 Jahre alt. Aber auch wenn sicher viele persönliche Erfahrungen eingeflossen sind, ist es doch kein autobiografischer Roman, hat Bennett, die aus gutbürgerlichem Haus stammt – der Vater war der erste schwarze Staatsanwalt der Stadtverwaltung –  doch einen ganz anderen familiären Hintergrund als die Figur der Nadia Turner. „Brit Bennett – Die Mütter“ weiterlesen

Hala Alyan – Häuser aus Sand

„Häuser aus Sand“ ist ein Roman über die Gemeinschaft, die uns alle prägt, die Familie, und über den Ort, der für uns alle lebensnotwendig ist, das Zuhause.
So heißt es im Klappentext zu Hala Alyans Roman über vier Generationen einer palästinensischen Familie. Im Mittelpunkt stehen, wie so oft, die mehr oder weniger „starken“ Frauen. Sie alle müssen den Verlust dieser lebensnotwendigen Verankerungen im Leben erleben. Das von ihnen geschaffene Zuhause erweist sich ein ums andere Mal als ein „Haus aus Sand“ (die „Salt Houses“ aus dem Original hätte man meiner Meinung nach beibehalten können; auch ihre Vergänglichkeit wird durchaus deutlich).
Salma und Hussam mussten 1948 nach Ende des britischen Mandats in Palästina und der Gründung des Staates Israels ihre Heimat Jaffa verlassen, wo sie eine große Orangenplantage führten. In Nablus finden sie ein neues Zuhause, hier wachsen ihre Kinder Widad, Mustafa und Alia auf. Diese können das Festhalten ihrer Mutter an alten Gewohnheiten, ihre Sehnsucht nach Jaffa und ihre Traurigkeit nicht ganz verstehen. Bis sie in Folge des Sechstagekriegs nicht nur ihr Haus, sondern auch den Bruder Mustafa verlieren. Die Familie wird getrennt. „Hala Alyan – Häuser aus Sand“ weiterlesen