Revisited: Madeleine Thien – Flüchtige Seelen

Im September erscheint im Luchterhand Verlag der neue Roman der Kanadierin Madeleine Thien auf Deutsch. „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ stand im letzten Jahr auf der Shortlist des Man Booker Preises und erzählt die Geschichte einer chinesischen Familie von 1940 bis in die Gegenwart. 2014 begeisterte mich ihr Buch „Flüchtige Seelen“.

 

Es gibt über den Vietnamkrieg eine ganze Menge zu lesen, zu schauen, zu erfahren, wenn auch meist aus amerikanischer Sicht. Die Grausamkeiten, die als indirekte Folge davon im Nachbarland Kambodscha geschahen, sind viel weniger bekannt.

Dort hat 1975 eine maoistische Gruppierung namens Rote Khmer die Herrschaft übernommen, in kürzester Zeit alle Intellektuellen verhaftet, gefoltert und umgebracht, die Stadtbevölkerung aufs Land vertrieben und bis zu ihrer Vertreibung 1978 bis zu 2 Millionen Menschen in den sogenannten „Killing Fields“ ermordet.
Der Roman „Flüchtige Seelen“ beginnt 2006 in Vancouver/Kanada, wohin sich Janie, 1975 als Elfjährige hat retten können. Zuvor muss sie die Ermordung ihres Vaters, eines Übersetzers, miterleben und wird mit Mutter und jüngerem Bruder aufs Land verschleppt. Dort müssen auch die Kinder hart arbeiten, der Bruder muss „Volksschädlinge“ verhören und schließlich auch über ihre Ermordung entscheiden. Die Familie wird auseinander gerissen und gemäß der Rote Khmer-Ideologie, dass jede Form der Individualität oder der mitmenschlichen Beziehungen, wie sie beispielsweise eine Familie darstellt, volksfeindlich sei, werden ihre Identitäten zerstört. Sie müssen neue Namen annehmen, wissen nichts voneinander. Die Mutter stirbt recht bald an Hunger und Entkräftung, den Geschwistern gelingt gemeinsam die Flucht, aber der Bruder ertrinkt, als das Flüchtlingsboot von seeräuberischen Fischern gekapert wird.

Ein schreckliches Schicksal, das Madeleine Thien in schlichter, poetischer Sprache schonungslos und frei von jedem Pathos in Rückblicken erzählt. Neben den Gräuel, die das kambodschanische Volk erleben musste, sind die Spätfolgen, die Traumata der Überlebenden, ihre Erinnerungen das Hauptthema des Buches.

Janie hat „Glück gehabt“, sie ist nun Neurowissenschaftlerin in Kanada, hat Mann und kleinen Sohn, leidet aber immer noch unter den damaligen Erlebnissen, was sich manchmal in Gewalt ihrem geliebten Kind gegenüber ausdrückt. Sie ist damit nicht allein. Ihr Professor, der japanisch stämmige Kanadier Hiroji leidet auch an den Spätfolgen der schrecklichen Ereignisse vor 30 Jahren. Damals ist sein Bruder James als Rotes Kreuz-Helfer im Kriegsgebiet verschollen und nie wieder aufgetaucht. Hiroji hat diesen Verlust nie verwunden, und als er neue Nachrichten aus Kambodscha erhält, verschwindet er zunächst spurlos. Janie weiß, dass auch sie noch einmal in ihre Heimat zurückkehren muss, um mit der Vergangenheit in irgendeiner Form abzuschließen. So rücken die Überlebenden in den Fokus des Buchs, ihre Ängste und Verletzungen, ihre Versuche, das Geschehen tatsächlich zu ÜBER-, statt einfach nur weiterzuleben.

Damit ist Madeleine Thien ein zutiefst berührendes, ein wichtiges Buch gelungen.

Beitragsbild: 5.000 Collected Human Skulls from Cambodian Killing Fields, Choeung Ek by Hendrik Terbeck (CC BY-NC-SA 2.0) on Flickr

Erscheint im Oktober als Taschenbuch bei btb, zuvor als Hardcover bei Luchterhand

Madeleine Thien – Flüchtige Seelen

Aus dem Englischen von Almuth Carstens
Originaltitel: Dogs at the Perimeter

btb Taschenbuch Oktober 2017, Broschur, 256 Seiten, € 10,00

 

Revisited: Zadie Smith – London NW

In Vorfreude auf ihren im August bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erscheinenden Roman „Swing Time“ hier noch einmal die 2014 verfasste Rezension zu „London NW“ :

 

Zadie Smith lässt sich Zeit mit ihren Romanen. Nach ihrem 2000 – absolut zu Recht – gehypten Erstling „Zähne zeigen“, fühlte sich die Autorin zunächst völlig überrannt und mit enormem Erwartungsdruck konfrontiert. 2005 erschien dann „Von der Schönheit“, ein völlig anderes, aber ebenso großartiges Buch.

Zadie Smith hat sich dabei ganz explizit an ein Großwerk der Literaturgeschichte angelehnt, und zwar an E.M. Forsters „Wiedersehen in Howards End“.

Sieben Jahre später hat sie sich nun wieder dieses Mittels bedient und mit „NW“ einen an James Joyce geschulten Roman verfasst, der wieder völlig anders daherkommt. Sie lässt dabei den alleswissenden Erzähler meist völlig verschwinden und stellt ihre Figuren vor allem durch einen permanenten Bewusstseinsstrom vor. Sie verwendet dabei unterschiedlichste Stilmittel, die sich auch in den sieben unterschiedlichen Abschnitten sehr unterscheiden. Eine fortlaufende Prosa darf man nicht erwarten, vielmehr wechseln sich schnelle Assoziationen und Schnitte, Einzelszenen, Dialoge, Eindrücke und Rückblicke rasant ab. Es entsteht ein gewisser „flow“, dem man sich als Leser ausliefern muss. Dabei überlässt es die Autorin dem Leser völlig, Personen oder Ereignisse zu werten oder einzuordnen. Durch unterschiedliche Perspektiven und Anordnungen werden diese vielmehr auch gegenseitig beleuchtet und charakterisiert. Dadurch kommt das Buch ganz nah an das Tempo und die Vielstimmigkeit einer Großstadt und der in ihr lebenden und ihr unterworfenen Individuen. Weiterlesen „Revisited: Zadie Smith – London NW“

Revisited: Carolina de Robertis – Perla

2010 wurden anlässlich der Frankfurter Buchmesse in der Ausstellung „Verschwunden“ in der Paulskirche Fotos des Argentiniers Gustavo Germano gezeigt. Dieser hat Aufnahmen aus den späten Siebziger Jahren mit den abgebildeten Personen nach- und dem Orginal gegenübergestellt. Das Besondere: auf allen Fotos fehlt eine Person, manchmal auch mehrere. Es sind sogenannte „Verschwundene“, also Menschen, die während der Militärdiktatur verhaftet und danach nie wieder aufgetaucht sind. Junge, meist lachende Menschen schauen uns auf den Orginalfotos an, man sieht ihnen die Lebensfreude, die Hoffnung auf ihre Zukunft an. Sie alle wurden gefoltert, getötet und dann irgendwie beiseite geschafft. Gerade das leise Gegenüberstellen der Fotos hat mich damals tief berührt, hat die Wunden, die in den Familien bis heute klaffen, auf erschreckende Weise deutlich gemacht. Diese Bilder standen mir sofort wieder vor Augen, als ich das Buch von Carolina de Robertis las. Weiterlesen „Revisited: Carolina de Robertis – Perla“

Revisited: Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende

Es liegt eine ungeheure Traurigkeit auf diesem Buch.
„En vieillissant les hommes pleurent“ lautet der Originaltitel.

Derjenige, der da älter wird, ist Albert Chassaing, 53 Jahre, Arbeiter bei Michelin, irgendwo in der französischen Provinz nahe Clermont. Man schreibt das Jahr 1961, Frankreich befindet sich im Algerien-Krieg und auch Alberts ältester Sohn ist in diesen Krieg gezogen, schmerzlich vermisst von seiner ihn über alles liebenden Mutter Suzanne. Die Ehe von Albert und Suzanne ist schon lange nicht mehr glücklich, Albert liebt seine Frau noch, kann mit ihr aber nicht reden, versteht sie nicht, verschließt sich. Er fühlt sich vor allem hingezogen zu seinem eigenwilligen jüngeren Sohn Gilles, dem im Schatten seines großen Bruders nur wenig mütterliche Liebe zukommt, der nichts lieber tut als Bücher zu lesen, der in der Schule erfolgreich ist, aber in sich gekehrt, verschlossen. Weiterlesen „Revisited: Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende“