Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #1 – Meine persönliche Shortlist + UPDATE Die offizielle Shortlist

Im vergangenen Jahr 2016 wurde von Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger, die gemeinsam das Blog „Das Debüt“ führen, zum ersten Mal ein Preis für einen Debütroman ausgelobt, und zwar ein reiner Bloggerpreis, der von interessierten Bloggerkollegen aus einer von den Initiatorinnen zusammengestellten Shortlist ausgewählt wurde. „Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #1 – Meine persönliche Shortlist + UPDATE Die offizielle Shortlist“ weiterlesen

Madres y abuelas de Plaza Mayo

Ich möchte hier auf meinem Blog abseits der aktuellen Rezensionen und Literaturerfahrungen hin und wieder, aus gegebenem Anlass oder aber weil mir ein Buch gerade des Erinnerns wert erscheint, auch ältere Rezensionen von mir versammeln, die vor meiner Bloggerzeit entstanden sind.

Der heutige Anlass, der mir die Idee dazu gab, ist der 40. Jahrestag des 30. April 1977, jenem Tag, an dem sich zum ersten Mal besorgte Mütter und Großmütter auf der Plaza de Mayo, gegenüber dem Präsidentenpalast in Buenos Aires, versammelten.

Seit dem 24. März 1976 an dem die amtierende Präsidentin Isabel Peron durch einen Militärputsch entmachtet wurde, regierte ein rechtsgerichtetes, autoritäres und ultranationalistisches Militärregime unter Jorge Vidal. Erbitterte Säuberungsaktionen gegen „Subversive“ gehörten von Anfang an zu seinen Methoden. Unzählige, vor allem junge Menschen unterschiedlichster Herkunft und Motivation verschwanden während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 auf unerklärliche Weise im ganzen Land. Zunächst protestierten die Madres de Plaza Mayo jeden Donnerstag, auch unter Gefahr für das eigene Leben, dafür, dass ihre Söhne und Töchter wieder frei kamen. Später, als deutlich wurde, das schätzungsweise 30.000 Menschen nicht nur verschwanden, sondern gefoltert und meistenteils getötet wurden, kämpften und kämpfen sie für die Bestrafung der Verantwortlichen, die bis 2003 durch ein Amnestiegesetz geschützt waren. Auch kämpfen die „abuelas“, die Großmütter, um die Enkelkinder, die den schwangeren Verhafteten direkt nach der Geburt entrissen und meist in Familien von hochrangigen Militärs zur Pflege oder Adoption gegeben wurden. Ihr „Markenzeichen“ ist das weiße Kopftuch, das sie tragen.

Madres de Plaza de Mayo
Madres de Plaza Mayo by Andrew (CC BY-NC-ND 2.0) on Flickr

Vielleicht kennt der ein oder andere Constantin Costa-Gavras Film „Vermisst“, in dem Jack Lemmon als amerikanischer Vater seine auf diese Weise verschwundene Tochter sucht. 1983 erhielt er den Drehbuch Oscar.

2010 wurde ich durch eine Ausstellung in der Paulskirche anlässlich des Gastlandauftritts Argentiniens auf der Frankfurter Buchmesse auf dieses Thema erneut aufmerksam. Die Fotos Gustavo Germanos arbeiten alle mit einem so einfachen wie genialen Motiv. Sie stellen Familienfotos einander gegenüber. Aufnahmen aus den Siebziger Jahren und aktuelle Fotos. Es sind die gleichen Menschen, auf den letzteren natürlich gealtert, aber noch etwas ist anders, auch wenn sie möglichst detailgetreu nachgestellt sind: es fehlen Personen. Es sind jene „Desparencidos“, die Verschwundenen des Militärregimes. Die Ausstellung hat mich genauso wie viele Argentinier zutiefst erschüttert. Diese „Ausencias“ (Abwesenheiten), so der Titel der Ausstellung, wurden derart greifbar und spürbar, dass es den Betrachter wirklich nachhaltig berührte.

Ausencias by Kevin Gessner (CC BY 2.0) on Flickr                                                                                                     ………………Gustavo Germano (links) mit zwei seiner drei Brüder. Eduardo Raul Germano (ganz rechts) wurde am 17. Dezember 1976 entführt und später ermordet. Dieses ist eines der Fotos von „Ausencias“, viele weitere kann man online anschauen

Gustavo Germano verlor selbst seinen ältesten Bruder.

2013 erschien dann „Perla“ von Carolina de Robertis, in dem es noch einmal um diese Zeit ging, hier wurde die Tochter eines ehemaligen Militärs mit der grausigen Vergangenheit ihres Vaters konfrontiert. Kein durchgehend gelungener Roman, aber auch er hat mich wieder nachhaltig erschüttert. Zu lesen, wie die vorwiegend jungen Menschen, voller Leben und Ideale gefoltert, ermordet und dann deren Körper zum großen Teil aus Flugzeugen weit über dem Meer abgeworfen wurden, damit die auch wirklich „verschwunden“ bleiben – das zu lesen, ist wirklich bestürzend.

Den Frauen, die auch nach 40 Jahren für die Erinnerung an und, sollte so etwas möglich sein, die Wiedergutmachung für diese Unrechtstaten demonstrieren, entgegen all denen, die so gerne vergessen wollten und wollen, alle mittlerweile hochbetagt, gehört meine Hochachtung.

Titelbild: Madres de Plaza Mayo by Valerie Hinojosa (CC BY-SA 2.0) on Flickr

Paula Fox ist tot

 

Paula Fox
Paula Fox 1923-2017

Durch eine ganz kleine Nachricht in meiner Tageszeitung, an den unteren Rand geheftet, erfuhr ich heute vom Tod der US-amerikanischen Schriftstellerin Paula Fox. „Kinderbuchautorin gestorben“ hieß es da in der Titelzeile.

Nun war die 1923 in New York geborene Paula Fox tatsächlich auch dies: eine wunderbare Kinder- und Jugendbuchautorin. Paul ohne Jakob, Ein Dorf am Meer und vor allem Ein Bild von Ivan haben meine Kinder und auch die Kritiken begeistert. Aber Paula Fox war auch eine herausragende Schriftstellerin jenseits dieser Alterszuweisung.

Ihre sechs Romane und die autobiografischen Werke erschienen in größeren Abständen, der erste „Pech für George“ 1967, „Zigarette“, ein Band mit Erzählungen und Essays 2011. Das allein ist, fehlt zudem eine gewisse Exzentrizität, den Auflagenzahlen nicht sehr zuträglich. Dennoch war Paula Fox in den 70 er Jahren in den USA recht erfolgreich, wurde ihr Roman „Was am Ende bleibt“ mit Shirley McLaine verfilmt.

Eine Renaissance erfuhr ihr Werk in den 90 er Jahren durch die Entdeckung und konsequente Werbung durch einen jungen Schriftstellerkollegen. (Auf diese Weise entdeckte man zum Beispiel auch Raymond Carver oder Richard Yates zum Glück wieder). Jonathan Franzen war es, der an die Werke Paul Foxs erinnerte. Dies führte auch zu einer gewissen Bekanntheit in Deutschland.

Dennoch finde ich, dass das Werk der Autorin lange nicht die Aufmerksamkeit erfuhr, die ihm eigentlich gebührt. Ich habe alle ihre Bücher gelesen und sehr geschätzt. Besonders „Was am Ende bleibt“ zählt zu den Büchern, die ich hoch halte. Es sind die kleinen Dinge, die Verschiebungen im Alltag, die Fox meisterhaft zu schildern und dadurch die verborgenen Dramen aufzudecken vermag. Ein klassisch amerikanisches Sujet.

Besonders beschäftigt hat mich auch ihre Kindheit und Jugend. Unglaublich lieblos, von den vergnügungssüchtigen Eltern, dann von der kühlen Großmutter abgeschoben, im Waisenhaus gelandet, von einem Pfarrer großgezogen, nach Lust und Laune von den Eltern wieder „hervorgekramt“ – welche Verletzungen muss das kleine Mädchen davongetragen haben. Man spürt es in ihren Romanen immer wieder durch, deutlich wird es in ihrer 2001 im Original erschienenen Autobiografie „A borrowed finery: a memoir“. Erschreckend, wie erlernte Muster nicht durchbrochen werden konnten. Paula Fox hat ihre eigene Tochter nach der Geburt zur Adoption gegeben. Diese Geschichte und die Tatsache, dass sie die Großmutter von Courtney Love, der Ehefrau von Kurt Cobain, ist, haben ihr zeitweise mehr Bekanntheit verschafft als ihr literarisches Werk. Völlig zu unrecht. Sie hat wunderbare Romane geschrieben, zu deren Lektüre ich unbedingt rate. Gebunden sind sie bei C.H.Beck erschienen, als Taschenbuchausgabe bei dtv.

Am 1. März 2017 ist sie im Alter von 93 Jahren in New York gestorben.

Ausführlicher als in meiner Tageszeitungen gedenken zum Beispiel die Welt und die Süddeutsche Zeitung.

Nachdem die Welt von Gestern untergegangen war

Am heutigen 22. Februar, im Jahr 1942 schied der große Humanist und Pazifist, der erfolgreiche und gefeierte Schriftsteller Stefan Zweig in seinem Exil, der fast ein wenig österreichisch anmutenden brasilianischen Stadt Petroplis, zusammen mit seiner jungen Frau Lotte aus dem Leben – in manchen Nachschlagewerken wird auch der 23. Februar, der Tag der Ausstellung des Totenscheins genannt.

Ehemaliges Wohnhaus von Stefan Zweig in Petropolis By Andreas Maislinger [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons
Angesichts seines Freitodes kursierten schon immer und immer wieder wilde Spekulationen, vom Mord durch Naziagenten bis zu sexuellen Problemen geistern die Vermutungen. Ich erinnere mich noch an eine frühe Lektüre seines Erinnerungsbuchs „Die Welt von Gestern“. Dieses ist so durchsetzt mit Melancholie und wörtlich genommenem Weltschmerz, dass mich der Freitod nie verwunderte, trotz materieller Sicherheit, Erfolg, Liebesglück und einem idyllischen Exilort. Er hat mich nur damals als junges Mädchen genauso erschüttert, wie er es auch heute noch tut.

Abschiedsbrief Stefan Zweigs
Abschiedsbrief Stefan Zweigs, via Wikimedia Commons

 

„Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

schreibt er in seinem Abschiedsbrief. Und früher in einem Brief an einen Freund

„Unsere Welt ist zerstört und das Grauenhafte kommt erst nach dem Kriege, wenn der jetzt wehrlose Hass in den Ländern sich Klasse gegen Klasse, Mensch gegen Mensch wendet.

Wer Stefan Zweig große historische Biografien kennt, weiß, welch entschiedener Humanist er war, wie leidenschaftlich er für die geistige Einheit Europas eintrat, seines alten Europas. Wer sie nicht kennt, dem lege ich vor allem sein Werk über Erasmus von Rotterdam ans Herz. Den Untergang dieses geliebten Europas, seiner moralischen und geistigen Werte, das ist ein Schmerz, der unter Umständen auch töten kann.

Gerade heute, wo diese Werte, wo diese Einheit Europas wieder so gefährdet ist, wie man nie geglaubt hätte, ist es wichtig, auch an seine großen Verfechter zu erinnern. Stefan Zweig war einer davon.

Siehe auch in „Die Presse“ : Stefan Zweig – Die geistige Einheit Europas

Einen wunderbaren Text zu Stefan Zweig veröffentlichte der HerrKlappentexter.