Deutscher Buchpreis 2018 – Die Longlist

Seit heute ist sie wieder offiziell: Die Longlist mit den 20 Romanen, die zur Wahl des Deutschen Buchpreises 2018 anstehen.

Jurysitzung für den Deutschen Buchpreis 2018 beim Börsenverein am 27.3.2018 in Berlin /// Foto: ©Monique Wüstenhagen

Vom 6. Februar bis 23. März konnten Verlage Titel einreichen, 105 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind der Einladung gefolgt und haben insgesamt 165 Titel vorgeschlagen. Eine siebenköpfige Jury, der dieses Jahr erstmals auch ein Buchblogger angehört, nämlich Uwe Kalkowski (Kaffeehaussitzer.de), hat daraus eben jene 20 Romane ausgewählt, die nun die Longlist Des Deutschen buchpreis 2018 bilden. Eine weitere „Eindampfung“ der Liste auf sechs Titel zur Shortlist wird bis zum 11. September erfolgen. Am 8. Oktober wird dann der Sieger im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse im Frankfurter Römer gekürt.

Seit dem ersten Preisträger des Deutschen Buchpreis 2005, Arno Geiger mit „Es geht uns gut“, verfolge ich den Preis und habe bis auf einen alle Siegertitel (und viele der Nominierten) gelesen. Auch wenn ich nicht immer meinen Favoriten auf dem Siegertreppchen gesehen habe, manches Mal wurden in meinen Augen großartige Bücher nicht einmal nominiert, wurde ich von den Titel so gut wie nie enttäuscht. Den einen oder anderen Autor und sein Buch habe ich so erst kennengelernt. Für mich ist der Deutsche Buchpreis von daher eine tolle Sache, auch wenn er natürlich nicht den einen, besten Roman des Jahres kürt, dafür sind die Erwartungen und Kriterien zu weit gefächert, so doch zumindest immer einen lesenswerten.

Wer noch einmal alle Preisträger quasi im Schnelldurchlauf vorgestellt bekommen möchte, der kann hier einmal schauen:

Rückblick auf die Buchpreisgewinner seit 2005 durch SWR2 Literaturchef Frank Hertweck

Wie jedes Jahr wird es auch dieses wieder in vielen Buchhandlungen Longlist-Lesehefte mit Leseproben alles Nominierten geben. Sehr zu empfehlen für alle, die sich für anspruchsvolle deutsche Literatur interessieren.

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Auch dieses Jahr begleiten die „Buchpreisblogger“ bden Preis und berichten über ihre Leseerfahrungen.

 

 

Dieses Jahr habe ich zwei der nominierten Bücher bereits gelesen und fünf weitere stehen auf meiner Leseliste – gar nicht mal eine so schlechte Ausgangslage. ;)

Und hier sind die Nominierten. Die Texte entstammen allesamt der Verlagswerbung.

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Zwei wunderbare Romane, die ich jedem ans Herz legen möchte:

 

Arno Geiger – Unter der Drachenwand

 

Arno Geiger - Unter der DrachenwandVeit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom „Brasilianer“, der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich – und von der Liebe. Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden.

Erscheinungsdatum: 10.01.2018
Hanser Verlag, Fester Einband, 480 Seiten , ISBN 978-3-446-25812-9, € 26,00

 

Gert Loschütz – Ein schönes Paar

 

Gert Loschütz - Ein schönes PaarBeim Ausräumen seines Elternhauses stößt der Fotograf Philipp auf einen Gegenstand, der in der Geschichte seiner Eltern eine entscheidende Rolle gespielt hat. Die beiden, Herta und Georg, waren ein schönes Paar. Philipp erinnert sich an ihr junges Liebesglück, ihre Hoffnungen und Gefährdungen, an die überstürzte Flucht seines Vaters aus der DDR in den Westen. Das hätte, da ihm die Mutter und der Junge ein paar Tage später folgten, der Beginn eines erfüllten Lebens sein können, tatsächlich aber trug die Flucht den Keim des Unglücks in sich. Nach und nach geht Philipp das Paradoxe der elterlichen Beziehung auf: Dass es die Liebe war, die ihre Liebe zerstörte. Damit aber ist die Geschichte, die auch sein Leben überschattet hat, nicht vorbei. Am Ende stellt er fest, dass Herta und Georg all die Jahre über miteinander verbunden waren, auf eine Weise, die sie niemandem, nicht einmal sich selbst, eingestehen konnten.
Ein ergreifender Roman über Liebe und Vergänglichkeit vor dem Hintergrund der deutschen Teilung.

Schöffling Verlag, 240 Seiten. Farbige Vorsätze. Gebunden. Lesebändchen, € 22,00 €, ISBN: 978-3-89561-156-8

 

Bereits im Frühjahr erschienen und leider seit der Leipziger Buchmesse auf meinem Bücherstapel liegengeblieben, was jetzt unbedingt nachgeholt werden muss:

Susanne Fritz – Wie kommt der Krieg ins Kind

 

Susanne Fritz Wie kommt der Krieg ins Kind

Ein sehr persönliches Buch über das Schicksal der Mutter und der eigenen Familie. Spurensuche, deutsch-polnische Geschichtsschreibung und Erzählung in einem.
Vierzehn Jahre alt ist die Mutter, als sie 1945 verhaftet und für Jahre ins polnische Arbeitslager Potulice gebracht wird. Der Grund: Sie hatte mit neun ein Formular unterschrieben, das sie in einem von Hitler überfallenen Gebiet als Deutsche auswies.
Susanne Fritz erzählt ergreifend und ohne jede vorschnelle Schuldzuweisung von dem Schicksal ihrer Mutter und der ganzen Familie über mehrere Generationen. Sie fragt nach Menschlichkeit und Verrat, nach Identität und Sprache und zieht immer wieder historische Dokumente zu Rate. So leuchtet sie nicht nur die eigene Familiengeschichte aus, sondern das deutsch-polnische Verhältnis über zwei Weltkriege hinweg mit all den historischen Umwälzungen und ihren Auswirkungen auf jeden Einzelnen.
Susanne Fritz führt ein tief lotendes Gespräch mit der Vergangenheit, sie tut es, weil sie die verborgenen Auswirkungen auf ihr eigenes Dasein verstehen will.

Wallstein Verlag, 268 S., geb., ISBN: 978-3-8353-3244-7, € 20,00

 

Anja Kampmann – Wie hoch die Wasser steigen

 

Wenzel Groszak, Ölbohrarbeiter auf einer Plattform mitten im Meer, verliert in einer stürmischen Nacht seinen einzigen Freund. Nach dessen Tod reist Wenzel nach Ungarn, bringt dessen Sachen zur Familie. Und jetzt? Soll er zurück auf eine Plattform? Vor der westafrikanischen Küste wird er seine Arbeitskleider wegwerfen, wird über Malta und Italien aufbrechen nach Norden, in ein erloschenes Ruhrgebiet, seine frühere Heimat. Und je näher er seiner großen Liebe Milena kommt, desto offener scheint ihm, ob er noch zurückfinden kann. Anja Kampmanns überraschender Roman erzählt in dichter, poetischer Sprache von der Rückkehr aus der Fremde, vom Versuch, aus einer bodenlosen Arbeitswelt zurückzufinden ins eigene Leben.

Erscheinungsdatum: 29.01.2018
Hanser Verlag, Fester Einband, ISBN 978-3-446-25815-0, 352 Seiten, € 23,00

Auch im Frühjahr erschienen und wie Anja Kampmanns Roman bereits für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, allerdings mich nicht wirklich ansprechend, war:

Matthias Senkel – Dunkle Zahlen

 

Moskau 1985: Die internationale Programmierer-Spartakiade hält die akademischen Eliten des Landes in Atem. Hier messen sich aufstrebende Mathematiker in den Techniken der Zukunft, die nur noch einen Tastendruck entfernt scheint. Doch die kubanische Nationalmannschaft ist kurz vor der Eröffnung des Wettbewerbs spurlos verschwunden – und ihre resolute Übersetzerin Mireya begibt sich auf eine atemlose Suche durch die fremde Hauptstadt, die wie elektrostatisch aufgeladen surrt und flimmert. Architekten und Agenten, dichtende Maschinen und sogar Stalins leibhaftiger Schatten treffen in dieser wilden und manchmal fantastischen Erzählung aufeinander: ein schillerndes Mosaik der Sowjetunion kurz vor der folgenreichen Vernetzung der Welt. Ein Roman so unberechenbar wie die Geschichte selbst.

Matthes und Seitz, 488 Seiten, Gebunden, ISBN: 978-3-95757-539-5, 24,00 €

Auch Angelika Klüssendorfs Buch ist bereits im Frühjahr erschienen, da ich aber die beiden vorangegangenen Bücher mit der gleichen Protagonistin nicht gelesen habe und mich auch diese vom Thema nicht so anspricht, werde ich es eher nicht lesen.

ANGELIKA KLÜSSENDORF – Jahre später

 

Mit »Das Mädchen« und »April« – beide auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis – schrieb Angelika Klüssendorf die Geschichte einer starken jungen Frau, die ihren Weg geht unter widrigen Umständen. »Jahre später« erzählt nun von der intensivsten, aber auch zerstörerischsten Beziehung des erwachsenen Mädchens April – ihrer Ehe.

Auf einer Lesung lernt sie einen Mann kennen, der April zunächst durch seine dreist raumnehmende Art auffällt. Es ist nicht Sympathie, die sie zusammenführt. Es ist eine andere Form der Anziehung: Intensität. Angelika Klüssendorf erzählt, wie eine Liebe zwischen zwei radikalen Einzelgängern entsteht, die beide mit ihren eigenen Mitteln versuchen, ins Soziale zu finden und zu sich selbst. Es ist eine Geschichte von der Bereitschaft, sich zu öffnen, von glühender Gemeinsamkeit, aber auch den unaufhaltsamen Fliehkräften, die das Paar auseinandertreiben. Ohne jemals Partei zu ergreifen oder seine Figuren zu denunzieren, entwickelt »Jahre später« die Anatomie einer toxischen Partnerschaft. Als Leser wünscht man bis zuletzt, dass es gelingen möge, und zugleich, dass es endlich ein Ende hat mit den beiden. Ein Buch, das keinen Moment lang unberührt lässt.

Kiepenheuer&Witsch, 160 Seiten, gebunden mit SUISBN: 978-3-462-04776-9, 17,00 €
Erschienen am: 29.01.2018

Susanne Röckel  – Der Vogelgott

 

Hier hat eine große Erzählerin aus einer grimmigen Geschichte einen grandiosen Roman gemacht. Die Mitglieder einer wissenschaftlich orientierten Familie werden durch eine zufällige Entdeckung auf einem Kirchenbild in den schwer durchschaubaren Mythos eines Vogelgottes hineingezogen – mit einem Sog, dem sie so wenig widerstehen konnen wie der Leser dieser Geschichte. Spätestens als sich herausstellt, dass dieser Mythos eben nicht nur ein Mythos ist. Es ist eine sagenhafte, aber elende Gegend dieser Erde, wo die Verehrer des Vogelgotts leben, die ihm allerdings weniger ergeben als vielmehr ausgeliefert zu sein scheinen. In diesem unwiderstehlichen Roman entpuppt sich eine geheime Welt als die unsere, in der die Natur ihre Freundschaft aufkündigt und wir ihrer Aggression und Düsternis gegenüberstehen.

Jung und Jung, 272 Seiten, gebunden, € 22,00
Erstverkaufstag: 2. 3. 2018

 

Christina Viragh – Eine dieser Nächte

 

Es ist eine dieser Nächte, die man durcher­zählen muss. Das zumindest findet Bill, der auf dem Flug von Bangkok nach Zürich neben Emma sitzt. Bill geht ihr gehörig auf die Nerven. Mit Donnerstimme erzählt er aus seinem Leben – und um sein Leben, und nicht nur Emma, sondern auch andere Passagiere sind gezwungen zuzuhören. Trotz ihres Widerstands werden sie aber alle, Emma, Michael, Stefan, Walter und ein Junge, ja, auch die japanische Familie in der hinteren Sitzrei­he, vom Sog der Geschichten erfasst, wobei eigene Geschichten und Phantasien wachgerufen werden. Alle diese Geschichten fügen sich zu einem Rei­gen, bei dem sich ungeahnte Bezüge und Entspre­chungen und ein geheimnisvoller Mittelpunkt her­ ausschälen. Denn Bill beschwört sprachgewaltig Orte, Leute und seltsame Wesen herauf. Die zwölf Stunden dieser Flugnacht entwickeln einen gefähr­lichen Reiz – und bekommen nicht allen gleich gut.

Dörlemann, 496 Seiten. Gebunden. Leseband, € 28.00 , ISBN 9783038200567                  erschienen am 26. Februar 2018

 

Dagegen steht das folgende Buch schon länger auf meiner Wunschliste:

Franziska HAUSER – DIE GEWITTERSCHWIMMERIN

 

Die Hirschs waren Verfolgte, Widerstandskämpfer, Opportunisten, Künstler. Ein Jahrhundert deutsche Geschichte hat sie geprägt, haben sie mitgeprägt. Da durfte man nicht empfindlich sein, es galt, die eigene Haut zu retten. Empfindlich war Tamara zum Glück nie. Stattdessen suchte sie das Abenteuer, die Herausforderung, das Risiko. Doch andere hat die Familie zugrunde gerichtet; eine Schuld, die Tamara nicht verzeihen kann.
Eindrücklich, poetisch und kraftvoll erzählt Franziska Hauser die Lebensgeschichte der bezaubernd eigensinnigen Tamara Hirsch – erzählt damit die Geschichte ihrer eigenen Familie, eine Geschichte aus politischen und persönlichen Fallstricken, bis dem Leser die Luft wegbleibt.

EICHBORN, Hardcover, 431 Seiten, ISBN: 978-3-8479-0644-5, €22,00
Ersterscheinung: 23.02.2018

Unentschlossen bin ich noch bei den jetzt im Juli erschienen:

 

Gianna Molinari – Hier ist noch alles möglich

 

Eine junge Frau wird als Nachtwächterin in einer Verpackungsfabrik eingestellt. Abend für Abend macht sie ihren Rundgang, kontrolliert die Zäune. Ein Wolf soll in das Gelände eingedrungen sein. Mit jeder Nachtschicht wird die Suche nach dem Wolf mehr zu einer Suche nach sich selbst und zur Frage nach den Grenzen, die wir ziehen, um das zu schützen, woran wir glauben.

Aufbau Verlag, Gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten
ISBN 978-3-351-03739-0, € 18,00

 

Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima

 

Der Architekt Paul Neuhaus, frisch verlassen, erhält eine Einladung von seinen alten Freunden Ken-Ichi und Mitsuko. Der Bürgermeister eines Dorfes nahe beim Unglücksmeiler von Fukushima, Mitsukos Onkel, bittet Neuhaus, ihn zu besuchen. Die Gegend ist verstrahlt, die Dörfer sind verlassen, die kontaminierte Erde ist abgetragen. Die Regierung wünscht die Rückbesiedlung, aber die Menschen haben Angst. Der Bürgermeister will Neuhaus für eine Künstlerkolonie gewinnen – in der verstrahlten Zone –, um neue Hoffnung zu wecken. Neuhaus reist mit Mitsuko an und sie geraten in eine unentrinnbar intensive Nähe zueinander. Ist in der schönen, verseuchten Landschaft Fukushimas eine Zukunft möglich wie auch in der Liebe zwischen Paul und Mitsuko? Sie beide begleitet die Lektüre Adalbert Stifters. So wie dort die geheimnisvolle Kette von Ursache und Wirkung die Bereiche des Lebens gleichermaßen verknüpft, so stellt die unheilvolle Kettenreaktion im Atommeiler in Fukushima nicht nur die Japaner vor die Frage, was diese Katastrophe über uns alle sagt. Sind wir im Zentrum der Gefahr nicht näher an unserer Wahrheit und an der unserer Gegenwart?

Verlag C.H.Beck, 244 S., Gebunden, ISBN 978-3-406-72702-3

Erschienen am 20. Juli 2018

Über den unlängst erschienen Roman von Max Biller habe ich jetzt schon so viel Gutes gehört, das er für meine Leselist „nachnominiert“ wird:

 

MAXIM BILLER – Sechs Koffer

 

In jeder Familie gibt es Geheimnisse und Gerüchte, die von Generation zu Generation weiterleben. Manchmal geht es dabei um Leben und Tod. In seinem neuen Roman erzählt Maxim Biller von einem solchen Gerücht, dessen böse Kraft bis in die Gegenwart reicht. »Sechs Koffer« – die Geschichte einer russisch-jüdischen Familie auf der Flucht von Ost nach West, von Moskau über Prag nach Hamburg und Zürich – ist ein virtuoses literarisches Kunststück. Aus sechs Perspektiven erzählt der Roman von einem großen Verrat, einer Denunziation. Das Opfer: der Großvater des inzwischen in Berlin lebenden Erzählers, der 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde. Unter Verdacht: die eigene Verwandtschaft. Was hier auf wenig Raum gelingt, sucht seinesgleichen in der deutschen Gegenwartsliteratur: eine Erzählung über sowjetische Geheimdienstakten, über das tschechische Kino der Nachkriegszeit, vergiftete Liebesbeziehungen und die Machenschaften sexsüchtiger Kultur-Apparatschiks. Zugleich ist es aber auch eine Geschichte über das Leben hier und heute, über unsere moderne, zerrissene Welt, in der fast niemand mehr dort zu Hause ist, wo er geboren wurde und aufwuchs. »Sechs Koffer« ist ein Roman von herausragendem stilistischen Können, elegantem Witz und einer bemerkenswerten Liebe zu seinen Figuren: Literatur in Höchstform – und spannend wie ein Kriminalroman.

Kiepenheuer&Witsch, 208 Seiten, gebunden mit SU, 19,00 €, ISBN: 978-3-462-05086-8
Erschienen am: 08.08.2018

Ganu unverständlich ist mir, wie mir die beiden nächsten Titel in den Vorschauen entgehen konnte, denn sie  interessieren mich sehr und gelangen ganz unbedingt noch auf die Leseliste. Aber auch für so etwas ist der Buchpreis gut (aber ihr Bloggerkollegen hättet mich sicher auf drauf aufmerksam gemacht):

 

Inger-Maria Mahlke – Archipel

 

Es ist der 9. Juli 2015, vierzehn Uhr und zwei, drei kleinliche Minuten. In La Laguna, der alten Hauptstadt des Archipels, beträgt die Lufttemperatur 29,1 Grad. Der Himmel ist klar, wolkenlos und so hellblau, dass er auch weiß sein könnte“. Damit fängt es an. Und mit Rosa, die zurückkehrt auf die Insel und in das heruntergewirtschaftete Haus der vormals einflussreichen Bernadottes. Rosa sucht. Was, weiß sie nicht genau. Doch für eine Weile sieht es so aus, als könnte sie es im Asilo, dem Altenheim von La Laguna, finden. Ausgerechnet dort, wo Julio noch mit über neunzig Jahren den Posten des Pförtners innehat. Julio war Kurier im Bürgerkrieg, war Gefangener der Faschisten, er floh und kam wieder, und heute hütet er die letzte Lebenspforte der Alten von der Insel. Julio ist Rosas Großvater. Von der mütterlichen Seite. Einer, der Privilegien nur als die der anderen kennt. Ein großer europäischer Roman von der Peripherie des Kontinents: der Insel des ewigen Frühlings, Teneriffa.

Rowohlt, 432 Seiten, ISBN: 978-3-498-04224-0,  € 20,00

Erscheinungstermin: 21.08.2018

 

María Cecilia Barbetta -Nachtleuchten

 

María Cecilia Barbetta erzählt von der gespenstischen Atmosphäre am Vorabend eines politischen Umsturzes. Sie sind aus der ganzen Welt gekommen und haben sich in Buenos Aires eine Existenz aufgebaut. In dem Viertel Ballester kämpfen sie jeder auf seine Art für den Aufbruch, die Revolution und eine bessere Zukunft – Teresa und ihre Klassenkameradinnen in der katholischen Mädchenschule ebenso wie Celio, der Friseur in der »Ewigen Schönheit«, oder die Mechaniker der Autowerkstatt »Autopia«. Doch politische Spannungen zerreißen das Land, Aberglaube und Gewalt schleichen sich in die Normalität. Mit einem feinen Gespür für die Poesie des Alltags erzählt die in Argentinien geborene María Cecilia Barbetta von der Liebe zum Leben in Zeiten des Umbruchs.

S.Fischer, Hardcover, 528 Seiten, gebunden, € 24,00
ISBN: 978-3-10-397289-4
voraussichtlich ab dem 15. August 2018 im Buchhandel

Die nachfolgenden Bücher erscheinen alle in Kürze,  einige davon werde ich eher nicht lesen, so zum Beispiel

Eckhart Nickel – Hysteria

»Hysteria« erzählt die Geschichte von Bergheim, der auf einem Biomarkt merkwürdig unnatürliche Himbeeren entdeckt. Auf der Suche nach dem Rätsel ihrer Beschaffenheit und Herkunft gerät er immer tiefer in eine kulinarische Dystopie, in der das Natürliche nur noch als absolutes Kunstprodukt existiert, weil das Künstliche längst alle Natur ersetzt hat. Aber keiner weiß davon. Nur seine Hypersensibilisierung befähigt Bergheim, die unheimliche Veränderung wahrzunehmen und ihr nachzugehen. Alle Fäden laufen im Kulinarischen Institut zusammen, wo er Charlotte wiedertrifft, seine Studienfreundin und ehemalige Geliebte, die nun als Leiterin an der Spitze der Bewegung des »Spurenlosen Lebens« steht. Allein mit Ansgar, dem dritten im Bunde des ehemaligen Uni-Triumvirats, wird es Bergheim gelingen, etwas dagegen zu tun.

Piper, 240 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-492-05924-4, € 22,00
Erscheint am 04.09.2018

Auf die beiden folgenden Bücher freue ich mich schon sehr. Gerade habe ich auch Karten für die Buchpremiere von Nino Haratischwili gekauft.

 

Nino Haratischwili – DIE KATZE UND DER GENERAL

 

Alexander Orlow, ein russischer Oligarch und von allen »Der General« genannt, hat
ein neues Leben in Berlin begonnen. Doch die Erinnerungen an seinen Einsatz im Ersten
Tschetschenienkrieg lassen ihn nicht los. Die dunkelste ist jene an die grausamste aller
Nächte, nach der von der jungen Tschetschenin Nura nichts blieb als eine große ungesühnte Schuld. Der Zeitpunkt der Abrechnung ist gekommen.
Nino Haratischwili spürt in ihrem neuen Roman den Abgründen nach, die sich zwischen
den Trümmern des zerfallenden Sowjetreichs aufgetan haben. Die Katze und der General ist ein spannungsgeladener, psychologisch tiefenscharfer Schuld-und-SühneRoman über den Krieg in den Ländern und in den Köpfen, über die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. Wie in einem Zauberwürfel drehen sich die Schicksale der Figuren ineinander, um eine verborgene Achse aus Liebe und Schuld. Sie alle sind Teil eines tödlichen Spiels, in dem sie mit der Wucht einer klassischen Tragödie aufeinanderprallen.

Frankfurter Verlagsanstalt, schön gebunden, farbiges Vorsatzpapier,750 Seiten, € 30,00
ISBN 9783627002541

erscheint am 31.08.2018

 

Stephan Thome – Gott der Barbaren

 

Stephan Thome - Gott der Barbaren

China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts – in Hongkong, Shanghai, Peking – begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische Sonderbotschafter, der seine inneren Abgründe erst erkennt, als er ihnen nicht mehr entgehen kann, und ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss.

Suhrkamp, Gebunden, 719 Seiten, ISBN: 978-3-518-42825-2, € 25,00

Gepl. Erscheinen: 10.09.2018

Weder vom Plot noch von der Autorin wirklich interessiert mich:

 

Helene Hegemann – Bungalow

Helene Hegemann erzählt von der radikalen Selbstfindung eines jungen Mädchens in einer zunehmend apokalyptischen Welt. Während ihre Mutter das letzte Einkaufsgeld versäuft, beobachtet Charlie vom Balkon ihrer Betonmietskaserne die benachbarten Bungalows und deren Bewohner: Sie lernt, dass es mehrere soziale Klassen gibt und sie selbst zur untersten gehört. Dann, kurz nach ihrem zwölften Geburtstag, zieht ein neues Ehepaar ins Viertel. Die beiden sind Schauspieler, unberechenbar, chaotisch, luxuriös, schlauer als alle anderen – und für Charlie das, was der Rest der Welt als ihre „erste große Liebe“ bezeichnen würde: Spielkameraden und Lover, größter Einfluss und größte Gefährdung. Klar und radikal erzählt Helene Hegemann vom Überleben in einer zunehmend apokalyptischen Welt und der vitalen Kraft des freien Willens.

Hanser Berlin, Fester Einband, 288 Seiten, ISBN 978-3-446-25317-9, € 23,00

Erscheinungsdatum: 20.08.2018

 

Die beiden eigenwilligsten Nominierungen sind wohl die beiden folgenden, jeweils aus ganz kleinen Verlagen:

 

Carmen-Francesca Banciu – Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!

 

Die Kindheit endet tatsächlich erst dort, wo die Geschichte unserer Eltern zur eigenen Geschichte wird und wir vor ihren wie vor den eigenen Abgründen die Augen nicht mehr verschließen können.
Maria-Maria reist nach Rumänien, um ihren verunglückten Vater zu besuchen und ihn, trotz seiner besitzergreifenden Geliebten, zusammen mit ihnen zu betreuen. In seinen Augen hat sie, die Tochter, die reale Utopie der kommunistischen Gesellschaft verraten. Sie wiederum erkennt in ihm ausschließlich den festgefahrenen Parteirhetoriker, der sich als moralische Instanz aufspielte, anderen Opfer abverlangte, aber selbst ein bigottes Leben führte.
Der neue Roman von Carmen-Francesca Banciu handelt vom Tod eines vermeintlichen Patrioten, für den Vaterland, Partei und der Aufbau einer neuen Gesellschaft stets den wichtigsten Platz in seinem Leben einnahmen und von der Liebe, die man sich von den Eltern erhofft, die einem versagt bleibt, und die man selbst zu geben vielleicht nicht imstande ist. Sie spürt der Frage nach, wie man Abschied von den Eltern nehmen, wie man mit ihren Lebenslügen umgehen kann, und welche persönliche Veränderung man dabei erfährt.
Die versartige Sprache des Romans überträgt die Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen direkt auf die Leser, die dadurch Teil des Erzählten werden. Banciu beobachtet das Sterben des Vaters, sie horcht und wartet. In der Wiederholung entfalten die Worte ihre Suggestivkraft. Banciu umkreist ihre Figuren, schöpft aus Erinnerungen wie aus einer geteilten Gegenwart. Ein Wort zieht das nächste nach sich. Man erlebt, wie sich Gedanken formen und wie sie wieder in sich zusammenstürzen. Ihr Abgesang auf die ideologische Überhöhung der Familie, der Partei und des Vaterlandes steckt voller Mut und Aktualität.

Palm Art Press, 280 Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-96258-003-2, 25€

 

Josef Oberhollenzer – Sültzrather

 

Ein großartiger Roman über die Frage, woraus Erinnerung nach dem Verschwinden gemacht ist.

Sültzrather handelt von einem Zimmermann aus Aibeln in Südtirol. Nach dem Sturz vom Baugerüst und der folgenden Querschnittslähmung beginnt der Protagonist Vitus Sültzrather zu schreiben. Es ist ein Schreiben gegen das Vergessen: Wie besessen, akribisch genau, vertraut er die Details, die nur er wissen kann, dem Papier an. Doch dann beginnt er das, was er aufgeschrieben hat, wieder zu vernichten, Seite für Seite abkratzend, abschabend, ein Vernichtungsfeldzug, der von seiner Umgebung, seiner Schwester, der Zugehfrau und deren Tochter nicht gestoppt werden kann.
Mit hoher Kunstfertigkeit passt Oberhollenzer seinem Protagonisten eine Erinnerung auf den Leib.

Folioverlag Reihe TransferBibliothek CXL, Gebunden, 183 S., ISBN 978-3-85256-741-9, € 20,–

 

Besonders die beiden letzten Bücher muss ich mir nochmal genauer anschauen.

Wie sieht es bei euch aus? Interessiert euch der Preis überhaupt? Kennt ihr schon den einen oder anderen Titel? Vermisst ihr etwas schmerzlich?

Ich werde mir jetzt möglichst bald das Einleseheft besorgen und mich dann in Spekulationen zur Shortlist stürzen. Und natürlich davon berichten.

Ein Blick in die Verlagsvorschauen Herbst 2018

Da ist tatsächlich schon wieder der Herbst angebrochen in der Bücherwelt.

Schon seit einigen Wochen sind die meisten Verlagsvorschauen online, obwohl die Frühjahrstitel noch nicht ganz „abgearbeitet“ sind. Bisher haben mich DSGVO und wenig freie Zeit abgehalten, aber nun ist es soweit und ich kann meiner Neugier endlich freien Lauf lassen. Einige Herbstprogramme (Piper, Dumont, Diogenes) wurden mir freundlicherweise schon auf der Leipziger Buchmesse näher gebracht. Auch das war ein merkwürdiges Gefühl, draußen Schneesturm und alle warten auf den Frühling, und in den Verlagshäusern dreht sich schon alles um die Herbstproduktion.

Hier wie immer eine ganz subjektive Auswahl an Titeln, die mein Interesse wecken konnten. „Ein Blick in die Verlagsvorschauen Herbst 2018“ weiterlesen

Das Debüt 2017 – Bloggerpreis – Meine Entscheidung

Der von Dr. Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger geführte Blog „Das Debüt“ hat zum zweiten Mal einen Bloggerpreis ausgeschrieben. Über sechzig Romane wurden von den Verlagen eingereicht. Aus einer von „Das Debüt“ zusammengestellten Shortlist sollten 17 Blogger und Bloggerinnen ihre drei Favoriten auswählen und mit je fünf, drei bzw. einem Punkt versehen. Daraus geht dann der Titel mit den meisten Punkten als Sieger hervor.

Eine spannende Aktion, an der ich gerne teilgenommen habe, besonders, da mir die Titel im vergangenen Jahr sehr gut gefallen hatten. Aber auch, weil solch eine Juryarbeit neu für mich und ich sehr neugierig auf die deutschen Debüts 2017 war. Auch auf einen Austausch über die gelesenen Bücher habe ich mich sehr gefreut. „Das Debüt 2017 – Bloggerpreis – Meine Entscheidung“ weiterlesen

Das Debüt 2017 – Bloggerpreis – Verlosung

Vier von fünf Büchern der Shortlist für den Bloggerpreis „Das Debüt“ sind gelesen und bis zum 7. Januar muss das Urteil der Jury, also auch das meinige abgegeben werden.

Wer meinen Blog ein wenig verfolgt, hat vielleicht mitbekommen, das einige der ausgewählten Bücher für mich eine Herausforderung waren. Umso glücklicher bin ich, nun meinen bisherigen Favoriten Christian Bangels „Oder Florida“ hier verlosen zu dürfen. Ein unterhaltsames, amüsantes Buch mit ernstem Kern. Mir hat es gut gefallen. „Das Debüt 2017 – Bloggerpreis – Verlosung“ weiterlesen

Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2018

Kaum ist die Frankfurter Buchmesse vorbei, werden die ersten Verlagsvorschauen für das kommende Frühjahr angekündigt. Mir kommt das jedes Jahr viel zu früh vor, steckt man als LeserIn doch noch mitten in all den Neuerscheinungen die man zum Teil erst entdeckt hat. Ein kleines Rennen um die Aufmerksamkeit des geneigten Publikum scheint da auch eine Rolle zu spielen. Und tatsächlich plagt mich auch jedes Mal die Neugier. Nun in der Adventszeit habe ich dann auch mal die Zeit gefunden und die Kataloge gewälzt. Bis auf ein paar kleinere Verlage, die ich gegebenenfalls noch nachtrage, sind alle Vorschauen online und so möchte ich euch das Ergebnis meiner „Grabungen“ vorstellen. Wie immer eine ganz subjektive Auswahl an Titeln, die mein Interesse wecken konnten. „Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2018“ weiterlesen

Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #2 – Julia Weber – Immer ist alles schön

Seit Bekanntgabe der offiziellen Shortlist für den Bloggerpreis Das Debüt 2017 hat die heiße Phase des Preises begonnen und die Jurymitglieder lesen sich durch die fünf kandidierenden Titel mit insgesamt ca. 1600 Seiten.

Ich habe mit Julia Weber – Alles ist immer schön aus dem kleinen Schweizer Limmat Verlag begonnen – für mich leider ein denkbar schlechter Start. „Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #2 – Julia Weber – Immer ist alles schön“ weiterlesen

So etwas wie ein Geburtstag – und ein Dankeschön

Liebe Leser von LiteraturReich,

regelmäßige, eifrig kommentierende, gelegentlich vorbeischauende oder auch neu hinzugekommene,

trübe, kalte Novembertage, Stapel neuer und vergangener Verlagsvorschauen, reichlich zu lesende Lektüre und mannigfaltige Eindrücke von der vergangenen Frankfurter Buchmesse – dieses Szenario vor ungefähr einem Jahr begleitete die Erstellung dieses Blogs.

Trübe, kalte Novembertage, Stapel neuer und vergangener Verlagsvorschauen, reichlich zu lesende Lektüre und mannigfaltige Eindrücke von der vergangenen Frankfurter Buchmesse – erinnern mich daran, dass hier so etwas wie ein Geburtstag gefeiert werden sollte. „So etwas wie ein Geburtstag – und ein Dankeschön“ weiterlesen

Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #1 – Meine persönliche Shortlist + UPDATE Die offizielle Shortlist

Im vergangenen Jahr 2016 wurde von Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger, die gemeinsam das Blog „Das Debüt“ führen, zum ersten Mal ein Preis für einen Debütroman ausgelobt, und zwar ein reiner Bloggerpreis, der von interessierten Bloggerkollegen aus einer von den Initiatorinnen zusammengestellten Shortlist ausgewählt wurde. „Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #1 – Meine persönliche Shortlist + UPDATE Die offizielle Shortlist“ weiterlesen

Madres y abuelas de Plaza Mayo

Ich möchte hier auf meinem Blog abseits der aktuellen Rezensionen und Literaturerfahrungen hin und wieder, aus gegebenem Anlass oder aber weil mir ein Buch gerade des Erinnerns wert erscheint, auch ältere Rezensionen von mir versammeln, die vor meiner Bloggerzeit entstanden sind.

Der heutige Anlass, der mir die Idee dazu gab, ist der 40. Jahrestag des 30. April 1977, jenem Tag, an dem sich zum ersten Mal besorgte Mütter und Großmütter auf der Plaza de Mayo, gegenüber dem Präsidentenpalast in Buenos Aires, versammelten.

Seit dem 24. März 1976 an dem die amtierende Präsidentin Isabel Peron durch einen Militärputsch entmachtet wurde, regierte ein rechtsgerichtetes, autoritäres und ultranationalistisches Militärregime unter Jorge Vidal. Erbitterte Säuberungsaktionen gegen „Subversive“ gehörten von Anfang an zu seinen Methoden. Unzählige, vor allem junge Menschen unterschiedlichster Herkunft und Motivation verschwanden während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 auf unerklärliche Weise im ganzen Land. Zunächst protestierten die Madres de Plaza Mayo jeden Donnerstag, auch unter Gefahr für das eigene Leben, dafür, dass ihre Söhne und Töchter wieder frei kamen. Später, als deutlich wurde, das schätzungsweise 30.000 Menschen nicht nur verschwanden, sondern gefoltert und meistenteils getötet wurden, kämpften und kämpfen sie für die Bestrafung der Verantwortlichen, die bis 2003 durch ein Amnestiegesetz geschützt waren. Auch kämpfen die „abuelas“, die Großmütter, um die Enkelkinder, die den schwangeren Verhafteten direkt nach der Geburt entrissen und meist in Familien von hochrangigen Militärs zur Pflege oder Adoption gegeben wurden. Ihr „Markenzeichen“ ist das weiße Kopftuch, das sie tragen.

Madres de Plaza de Mayo
Madres de Plaza Mayo by Andrew (CC BY-NC-ND 2.0) on Flickr

Vielleicht kennt der ein oder andere Constantin Costa-Gavras Film „Vermisst“, in dem Jack Lemmon als amerikanischer Vater seine auf diese Weise verschwundene Tochter sucht. 1983 erhielt er den Drehbuch Oscar.

2010 wurde ich durch eine Ausstellung in der Paulskirche anlässlich des Gastlandauftritts Argentiniens auf der Frankfurter Buchmesse auf dieses Thema erneut aufmerksam. Die Fotos Gustavo Germanos arbeiten alle mit einem so einfachen wie genialen Motiv. Sie stellen Familienfotos einander gegenüber. Aufnahmen aus den Siebziger Jahren und aktuelle Fotos. Es sind die gleichen Menschen, auf den letzteren natürlich gealtert, aber noch etwas ist anders, auch wenn sie möglichst detailgetreu nachgestellt sind: es fehlen Personen. Es sind jene „Desparencidos“, die Verschwundenen des Militärregimes. Die Ausstellung hat mich genauso wie viele Argentinier zutiefst erschüttert. Diese „Ausencias“ (Abwesenheiten), so der Titel der Ausstellung, wurden derart greifbar und spürbar, dass es den Betrachter wirklich nachhaltig berührte.

Ausencias by Kevin Gessner (CC BY 2.0) on Flickr                                                                                                     ………………Gustavo Germano (links) mit zwei seiner drei Brüder. Eduardo Raul Germano (ganz rechts) wurde am 17. Dezember 1976 entführt und später ermordet. Dieses ist eines der Fotos von „Ausencias“, viele weitere kann man online anschauen

Gustavo Germano verlor selbst seinen ältesten Bruder.

2013 erschien dann „Perla“ von Carolina de Robertis, in dem es noch einmal um diese Zeit ging, hier wurde die Tochter eines ehemaligen Militärs mit der grausigen Vergangenheit ihres Vaters konfrontiert. Kein durchgehend gelungener Roman, aber auch er hat mich wieder nachhaltig erschüttert. Zu lesen, wie die vorwiegend jungen Menschen, voller Leben und Ideale gefoltert, ermordet und dann deren Körper zum großen Teil aus Flugzeugen weit über dem Meer abgeworfen wurden, damit die auch wirklich „verschwunden“ bleiben – das zu lesen, ist wirklich bestürzend.

Den Frauen, die auch nach 40 Jahren für die Erinnerung an und, sollte so etwas möglich sein, die Wiedergutmachung für diese Unrechtstaten demonstrieren, entgegen all denen, die so gerne vergessen wollten und wollen, alle mittlerweile hochbetagt, gehört meine Hochachtung.

Titelbild: Madres de Plaza Mayo by Valerie Hinojosa (CC BY-SA 2.0) on Flickr

Paula Fox ist tot

 

Paula Fox
Paula Fox 1923-2017

Durch eine ganz kleine Nachricht in meiner Tageszeitung, an den unteren Rand geheftet, erfuhr ich heute vom Tod der US-amerikanischen Schriftstellerin Paula Fox. „Kinderbuchautorin gestorben“ hieß es da in der Titelzeile.

Nun war die 1923 in New York geborene Paula Fox tatsächlich auch dies: eine wunderbare Kinder- und Jugendbuchautorin. Paul ohne Jakob, Ein Dorf am Meer und vor allem Ein Bild von Ivan haben meine Kinder und auch die Kritiken begeistert. Aber Paula Fox war auch eine herausragende Schriftstellerin jenseits dieser Alterszuweisung.

Ihre sechs Romane und die autobiografischen Werke erschienen in größeren Abständen, der erste „Pech für George“ 1967, „Zigarette“, ein Band mit Erzählungen und Essays 2011. Das allein ist, fehlt zudem eine gewisse Exzentrizität, den Auflagenzahlen nicht sehr zuträglich. Dennoch war Paula Fox in den 70 er Jahren in den USA recht erfolgreich, wurde ihr Roman „Was am Ende bleibt“ mit Shirley McLaine verfilmt.

Eine Renaissance erfuhr ihr Werk in den 90 er Jahren durch die Entdeckung und konsequente Werbung durch einen jungen Schriftstellerkollegen. (Auf diese Weise entdeckte man zum Beispiel auch Raymond Carver oder Richard Yates zum Glück wieder). Jonathan Franzen war es, der an die Werke Paul Foxs erinnerte. Dies führte auch zu einer gewissen Bekanntheit in Deutschland.

Dennoch finde ich, dass das Werk der Autorin lange nicht die Aufmerksamkeit erfuhr, die ihm eigentlich gebührt. Ich habe alle ihre Bücher gelesen und sehr geschätzt. Besonders „Was am Ende bleibt“ zählt zu den Büchern, die ich hoch halte. Es sind die kleinen Dinge, die Verschiebungen im Alltag, die Fox meisterhaft zu schildern und dadurch die verborgenen Dramen aufzudecken vermag. Ein klassisch amerikanisches Sujet.

Besonders beschäftigt hat mich auch ihre Kindheit und Jugend. Unglaublich lieblos, von den vergnügungssüchtigen Eltern, dann von der kühlen Großmutter abgeschoben, im Waisenhaus gelandet, von einem Pfarrer großgezogen, nach Lust und Laune von den Eltern wieder „hervorgekramt“ – welche Verletzungen muss das kleine Mädchen davongetragen haben. Man spürt es in ihren Romanen immer wieder durch, deutlich wird es in ihrer 2001 im Original erschienenen Autobiografie „A borrowed finery: a memoir“. Erschreckend, wie erlernte Muster nicht durchbrochen werden konnten. Paula Fox hat ihre eigene Tochter nach der Geburt zur Adoption gegeben. Diese Geschichte und die Tatsache, dass sie die Großmutter von Courtney Love, der Ehefrau von Kurt Cobain, ist, haben ihr zeitweise mehr Bekanntheit verschafft als ihr literarisches Werk. Völlig zu unrecht. Sie hat wunderbare Romane geschrieben, zu deren Lektüre ich unbedingt rate. Gebunden sind sie bei C.H.Beck erschienen, als Taschenbuchausgabe bei dtv.

Am 1. März 2017 ist sie im Alter von 93 Jahren in New York gestorben.

Ausführlicher als in meiner Tageszeitungen gedenken zum Beispiel die Welt und die Süddeutsche Zeitung.